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Wohin steuert die Kinder- und Jugendhilfe des PFH?

Ein Interview mit Katinka Beber, der neuen Leiterin der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe, über ihre Ziele und Pläne

Seit dem 1. März 2017 leitet Katinka Beber die Abteilung Kinder- und Jugendhilfe des Pestalozzi-Fröbel-Hauses, zu der rund 470 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählen. Katinka Beber ist Diplom-Psychologin, Familientherapeutin und Supervisorin und war vor ihrer Zeit im PFH fast 29 Jahre lang in unterschiedlichen Funktionen für das Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg tätig, u.a. als stellv. Jugendamtsleiterin. In diesem Interview spricht sie über das, was ihr bei ihrer Arbeit im PFH wichtig ist, über Leitsätze, künftige Schwerpunkte und den Umgang im Kollegium, über Entspannung, ihre Sympathie für Kreuzberg und vieles mehr.

Die Zeiten sind nicht einfach für Menschen, deren Ziel eine gute Bildung für Kinder und Jugendliche ist. Es fehlt an Fachkräften, an Zeit und an Geld. Dennoch haben Sie sich entschieden, die Leitung der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe des PFH zu übernehmen. Warum?

Katinka Beber: Ich gehöre zu den Menschen, die immer wieder eine Herausforderung brauchen. Vor meiner Zeit im PFH war ich ja sehr lang beim Fachdienst für frühe Bildung und Erziehung im Jugendamt Kreuzberg tätig. Ich habe diesen Fachdienst ins Leben gerufen, aufgebaut und während der letzten zehn Jahre ausgebaut und gefestigt. Ich hatte das Gefühl: Der läuft jetzt gut ohne mich. Insofern fand ich die Gelegenheit sehr spannend, zum PFH zu wechseln und noch einmal die Verantwortung für einen größeren Bereich zu übernehmen und auch die Perspektive zu wechseln vom Jugendamt, das für einen bestimmten Bezirk zuständig ist zu einem Träger, der über mehrere Bezirke arbeitet, aber da eben für seine Einrichtungen und Angebote verantwortlich ist. Das hat mich gereizt, denn hier gibt es ganz andere Gestaltungsmöglichkeiten.

Hatten Sie zuvor bereits Verbindungen zum PFH?

Katinka Beber: Ja, ich hatte das PFH während meiner Zeit im Bezirksamt als guten und immer sehr innovativen Träger kennengelernt. Vor allem die Entwicklung des Early-Excellence-Ansatzes habe ich aufmerksam verfolgt und versucht, andere Träger dafür zu begeistern, weil ich ihn einfach hervorragend finde. Diese Verknüpfung von pädagogischen, philosophischen und politischen Ideen, das finde ich gut. Ich habe nicht aktiv nach einer anderen Stelle gesucht, aber dann ergab sich diese Gelegenheit, mich für die Leitung der Kinder- und Jugendhilfe beim Pestalozzi-Fröbel-Haus zu bewerben, und das habe ich als Chance betrachtet.

Early Excellence wurde vor 17 Jahren eingeführt als pädagogischer Ansatz für das PFH. Erst nur testweise für eine Kindertagesstätte, heute arbeiten alle Einrichtungen des Hauses danach. Hat sich die Arbeit nach Early Excellence bewährt? Wird Early Excellence weiterhin zum Profil des Hauses gehören?

Katinka Beber: Auf jeden Fall. Die pädagogischen Strategien und Leitlinien des Early-Excellence-Ansatzes entsprechen meinem Menschenbild, und sie entsprechen dem, was eine Gesellschaft meiner Ansicht nach heute braucht bei der Erziehung von Kindern. Darin enthalten sind viele allgemeine, oder ich sage auch gern philosophische Leitlinien, die über die pädagogische Arbeit hinausgehen. Zum Beispiel sind viele Leitsätze und Strategien von Early Excellence übertragbar auf den Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Was sind für Sie die wichtigsten Schwerpunkte bei der Arbeit nach Early Excellence?

Katinka Beber: Ich finde vor allem den Gedanken wichtig, so früh wie möglich an Kinder und deren Familien in einer ermutigenden und aufbauenden Art und Weise heranzugehen. Sich zu sagen, dass jeder etwas kann, und dass man diese Stärken herausfinden und unterstützen will. Alle Menschen und Kinder insbesondere haben ein Recht darauf, dass man ihnen so begegnet. Wichtig ist dabei auch, dass man Kinder nicht nur isoliert als Individuen sieht, sondern dass man sie zusätzlich in ihren familiären Bezügen, in ihren Zugehörigkeiten betrachtet. Denn natürlich haben Lebenschancen immer auch etwas mit Lebensbedingungen zu tun, diese muss man mit im Blick haben. Bei Early Excellence ist die Öffnung in den Sozialraum aus den genannten Gründen ein wichtiger Punkt. Wenn ich die Familie und wichtige Institutionen im Umfeld eines Kindes mit ins Boot hole, sie dabei unterstütze, den Bildungsweg des Kindes gut zu begleiten, dann wirke ich ja schon auf mehreren Ebenen positiv auf die Bedingungen des Kindes ein. Und das finde ich richtig, das möchte ich stärken.

Anfangs war Early Excellence vor allem ein Konzept für Kitas. Seit einigen Jahren wird es auch in allen anderen Einrichtungen des PFH angewandt, zum Beispiel in den Ganztagsbetreuungen an Schulen. Wie hat sich Early Excellence weiter entwickelt?

Katinka Beber: Early Excellence konnte sich weiter entwickeln und kann sich auch in Zukunft noch weiter entwickeln, weil es diese verallgemeinerbaren, philosophischen Leitplanken gibt. Dazu gehört, dass ich jedem Menschen zutraue, sein Leben in die Hand zu nehmen und etwas zu lernen. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch im Prinzip – auch wenn etwas verschüttet ist oder wenn der Mensch entmutigt ist – über Potentiale und Ressourcen verfügt, um seine Lebensbedingungen zu verbessern und sein Leben zufriedenstellender zu machen. Das heißt, dass jeder Mensch grundsätzlich in der Lage ist, immer wieder zu lernen. Bei Early Excellence heißt dieser Grundgedanken "der positive Blick", den man nicht verwechseln darf mit einer rosaroten Brille. Ich verstehe den positiven Blick eher im Sinne von Zutrauen: Ich traue Dir etwas zu, ich möchte Dich darin unterstützen und bestärken, Dir selbst etwas zuzutrauen, und so kann ich an jedes Gegenüber herangehen. So möchte ich auch an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herangehen. Dann entstehen die positiven Erlebnisse in der Beziehung miteinander. Dann entsteht etwas, was man "Ko-Produktion oder Ko-Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit und des eigenen Denkens über die Wirklichkeit" nennen kann. Das ist Bildung und Selbstbildung, das ist Forschen. Dann bauen wir gemeinsam eine neue, andere Realität auf. Das finde ich ein verallgemeinerbares Element.

Welche Rolle spielt dabei die Öffnung in den Sozialraum, die ja ein wichtiger Schwerpunkt bei der Arbeit nach Early Excellence ist?

Katinka Beber: Wer Lebensbedingungen verbessern möchte, schafft das selten allein. Dafür benötigt man die Unterstützung anderer. Die Verortung im Sozialraum heißt also zu schauen: Mit wem vernetze ich mich? Wer kann bei meinen Empowerment-Strategien hilfreich mitwirken? Ich suche andere Institutionen und stimme mich mit ihnen ab, um im Sozialraum Verbesserungen zu bewirken. Grundlage bei dieser Vorgehensweise ist natürlich auch ein bestimmtes Menschenbild. Nämlich, dass der Mensch seine Lebensbedingungen schafft und ändern kann. Aber gleichzeitig auch abhängig davon ist, was er vorfindet und was stärkend oder schwächend sein kann. Hier muss man eine Positivspirale schaffen, um die stärkenden Elemente herauszuarbeiten und zu verbreitern, damit die Menschen wieder bessere Entwicklungsmöglichkeiten haben. Das gilt für Erwachsene und Jugendliche genauso wie für kleine Kinder. Jeder Mensch muss bestimmte Bedingungen vorfinden, und er braucht Ermutigungen, etwas für sich damit anzufangen, wenn sie da sind, um ein schönes Leben in Gemeinschaft zu haben. Sich selbst und die Gemeinschaft, letztlich die Weltgemeinschaft aller Menschen voranzubringen ist eine komplexe dialektische Angelegenheit, an der wir alle lebenslang arbeiten können.

Beschäftigen Sie sich viel mit Philosophie?

Katinka Beber: Eher mit Psychologie. Das habe ich studiert, und zwar in einer sehr grundlegenden Art und Weise. Die Strömung, mit der ich mich befasst habe, nennt sich Kritische Psychologie. Sie ist aus der Studentenbewegung heraus erwachsen und hat sich dagegen gestellt, dass Psychologie als reine Individualwissenschaft angesehen wird. Und auch dagegen, dass es hauptsächlich darum geht, Krankheitsbilder zu erkennen. Bei der kritischen Psychologie steht der ganze Mensch-Welt-Zusammenhang im Mittelpunkt. Also: Wie steht ein Mensch in der Welt? Wie steht ein Individuum in der Gesellschaft? Und warum ist das so? Wie ist unsere menschliche Psyche aus der ersten Sensibilität von Amöben heraus entstanden? Die Vorläufe unserer Psyche werden beleuchtet. Zum Beispiel, dass vor Urzeiten so ein Einzeller auf Licht reagiert hat und merkte: Da, wo Licht ist, gibt’s auch mehr zu fressen. Das steckt ja alles noch in uns. Das hat mich schon immer sehr fasziniert, also die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen und eben unbedingt auch die gesellschaftlichen Bedingungen, die Lebensbedingungen mit im Blick zu haben. Diese wechselseitige Abhängigkeit und Dialektik. Wie ich eben sagte: Der Mensch ist abhängig von den Bedingungen, die er vorfindet. Aber er hat auch Möglichkeiten, diese Bedingungen zu gestalten und zu verändern.

Da sind Sie ja ganz in der Tradition von Pestalozzi und Fröbel und den Gedanken der Aufklärung.

Katinka Beber: Das denke ich, ja.

Early Excellence hat durchaus einen Exzellenzanspruch. Nicht an die Kinder, aber an das pädagogische Umfeld. Was in diesen Zeiten nicht einfach ist – wir sagten es eben schon: Es fehlt an Fachkräften, an Geld, an Zeit. Wie geht man als Einrichtung, die nach Early Excellence arbeitet oder arbeiten soll, damit um? Wo gibt es Möglichkeiten, und wo liegen die Grenzen?

Katinka Beber: Wo die Grenzen liegen, kann ich noch gar nicht genau sagen. Erst einmal finde ich viel wichtiger zu sehen, wo die Möglichkeitsräume sind. Und die sind natürlich je nach Situation unterschiedlich. Habe ich mehr Personal, habe ich weniger? Habe ich einen hohen Krankenstand, habe ich viele unbesetzte Stellen? Dann habe ich sicherlich weniger Möglichkeiten. Aber das Wichtige ist, dass ich über eine innere Orientierung verfüge, wo ich hinmöchte. Wenn ich exzellent sein möchte und eine Idee davon habe, was das heißt. Wenn ich weiß, welche Strategien ich verfolgen möchte, dann werde ich meine Möglichkeiten auch eher sehen. Wenn ich das aber gar nicht erst als Zielvorstellung habe, also wenn ich keine Vision habe, was eine gute Pädagogik wäre oder was eine exzellente Pädagogik wäre, dann habe ich auch keine Ausrichtung für mein Handeln. Natürlich muss ich eine bestimmte Toleranz gegenüber widrigen Bedingungen entwickeln, oder vielleicht besser gesagt: eine Resilienz. Ich muss realistisch mit der Tatsache umgehen, dass ich nicht alles umsetzen kann, was ich für gut und richtig befinde und was ich mir erträume. Aber Resilienz heißt auch: Das, was machbar ist, versuche ich zu erreichen. Und dafür benötige ich eine innere Orientierung. Sonst liefere ich mich den schlechten Bedingungen nur aus und komme nicht auf die Idee, was auch in der schlechten Situation trotzdem noch machbar wäre, und ich leide bis hin zum Krankwerden.

Ich habe Sie so verstanden, dass Early Excellence für Sie unter anderem eine Haltungsfrage ist. Zum Beispiel bei ganz alltäglichen Situationen: Wie gehen pädagogische Fachkräfte morgens auf Kinder und auch auf Eltern zu? Wie begrüßen sie sie? Wenn sie sich gestresst fühlen – geben sie den Stress an Kinder weiter, oder sind sie trotzdem gelassen und freundlich? Sind das Bereiche, wo man anfangen kann?

Katinka Beber: Ja, Early Excellence ist ganz stark eine Haltungsfrage. Aber Haltung entsteht durch Handlung. Ich möchte das nicht trennen. Um eine bestimmte Haltung zu erlernen und sie dann auch noch so auszustrahlen, so dass sie deutlich wird, muss ich in einer bestimmten Art und Weise handeln. Ich muss mir also Instrumente zurechtlegen, mit denen ich diese Haltung leben kann. Man kann natürlich viel ausdrücken über einen freundlichen Blick oder über eine Formulierung. Aber es gehört im pädagogischen Alltag natürlich noch viel mehr dazu. Insofern finde ich es wichtig, dass man daran denkt: Die Haltung muss sich in einer bestimmten Handlung ausdrücken. Hier ist es gut, wenn ich über bestimmte Arbeitsinstrumente verfüge. Zum Beispiel bezüglich der Beobachtung von Kindern und deren Familien und der dabei gewonnenen Erkenntnisse. Welche Stärken hat ein Kind, und wie kann ich diese fördern? Oder was wir gerade in den vergangenen zwei Jahren besonders in den Fokus genommen haben: Wie spreche ich überhaupt mit Kindern? Bin ich kognitiv anregend beim Sprechen? Wie formuliere ich? Eher fragend als antwortend, um das kognitive Denken in Gang zu bringen? Das ist nicht nur Haltung, sondern auch Methodik, die man schlichtweg üben muss. Das finde ich auch wieder beruhigend, dass man nicht einfach sagen kann: Dann musst Du eben eine andere Haltung an den Tag legen. Sondern dass man sagt: Du kannst das üben. Und zwar so und so und so. Dafür können wir Fortbildungen organisieren. Dafür können wir Workshops und Praxisbegleitung organisieren. So wird Early Excellence handhabbar. Mit Handwerkszeug.

Wie wird Early Excellence im PFH-Alltag thematisiert?

Katinka Beber: In meiner Position finde ich es wichtig, die Möglichkeiten zum Weiterlernen und zum Weiterentwickeln dieses Ansatzes zur Verfügung zu stellen. Auch Foren für Diskussionen. Es gibt zum Beispiel eine Early-Excellence-Konzeptgruppe, die sich regelmäßig trifft. Diverse kulturelle Projekte, die wir organisieren, sind mit Early Excellence verknüpft. Es ist mir wichtig, immer viel im Gespräch zu sein mit den Einrichtungen, um zu erfahren, was sie brauchen und an welche Grenzen sie gerade stoßen. An manchen Punkten müssen wir uns sicherlich auch überlegen, was über den Early-Excellence-Ansatz hinaus noch wichtig ist. Gerade weil er auch ein philosophischer Ansatz ist, kann er sich ja gut verbünden mit anderen Ansätzen, die aus der Demokratiepädagogik, aus der Nachbarschaftsarbeit oder aus der Antidiskriminierungsarbeit hervorgingen. Man muss ja nicht alles kraft der eigenen Wassersuppe entwickeln, sondern man kann lesen und mit anderen Menschen ins Gespräch kommen, die vielleicht einen anderen Hintergrund haben, aber doch mit einem ähnlichen Menschenbild in eine ähnliche Richtung arbeiten wollen. Das finde ich wichtig, um neue Akzente zu setzen gerade in der heutigen Zeit, wo wir uns mit so schwierigen Themen beschäftigen müssen. Demokratie – was ist das eigentlich? Wie kann man Demokratie erhalten? Wir sehen in vielen Ländern Demokratie bröckeln und sehen Gefährdungen von Demokratie, auch in Deutschland. Was heißt das für einen Träger, wie wir das sind? Der wir Freiheit und Menschenrechte voranstellen und in unserer Pädagogik Kinder zu demokratischen, selbstbewussten und gemeinschaftsfähigen Individuen erziehen helfen wollen.

Und was heißt es?

Katinka Beber: Ich denke, wir sollten uns intensiv mit Begriffen und Konzepten von Demokratie auseinandersetzen. Wir sollten fragen: Wie kann ich Selbstbestimmung, Beteiligung, aber auch mein Verhältnis zu den anderen als Individuum so gestalten, dass ich nicht zu kurz komme, und dass die anderen auch nicht zu kurz kommen? Wie kann ich agieren, auch wenn ich "nur" oder erst ein Kind bin? Unsere Aufgabe ist es also, Individualität zu fördern in einer Art und Weise, so dass wir alle in einer Gemeinschaft leben können. Das Individuum muss so gefördert sein, dass es sich gut in einer Gruppe bewegen kann. Eine Gruppe, die aus solchen Individuen besteht, die sich ihrer sozialen Bedingtheit bewusst sind, ist viel stärker als eine Gruppe aus lauter zusammengewürfelten Individuen, die nicht wissen, was sie miteinander anfangen sollen. Und dazu gehört auch, sich über den Umgang mit den Ressourcen dieser Welt Gedanken zu machen, denn das sind unsere Lebensgrundlagen, und viele davon sind endlich, wie zum Beispiel Erdöl. Ökologische Erziehung und Nachhaltigkeitspädagogik gehören daher für mich auch zu Early Excellence.

Und wie schafft man das? Indem man Erzieherinnen und Erzieher sensibilisiert?

Katinka Beber: Unbedingt. Das ist immer der erste Weg. Pädagogische Fachkräfte müssen dafür sensibilisiert werden, mit welchen Methoden wir Kinder und Jugendliche unterstützen können, sich in einer sehr komplex gewordenen Welt und Gesellschaft zu bewegen. Ich habe mich gerade heute Morgen zum Beispiel mit der Frage beschäftigt: Woher holen wir uns Informationen? Einerseits stehen uns Informationen nahezu unendlich übers Internet zur Verfügung, andererseits wird es immer aufwendiger, sich dort zurechtzufinden und zu überlegen: Was lese ich jetzt eigentlich? Aus welcher Quelle stammt das? Welche Interessen stehen dahinter? Wessen Privilegien sollen damit vielleicht geschützt werden? Es ist schwer, zu entscheiden und zu beurteilen: Was nehme ich rein in mein Weltbild, und was nicht? Es sind heutzutage viel komplexere und schwierigere Entscheidungsprozesse von den Menschen gefordert, als dass es früher der Fall war, wo es schlichtweg weniger Quellen gab und vielleicht auch weniger Einblicke in sämtliche Vorgänge der Welt. Das finde ich eine ganz hohe Herausforderung. Zu sehen: Was brauchen die Kinder eigentlich zukünftig? Was heißt hier Exzellenz? Das müssen wir immer neu definieren.

Auch in Bezug auf Medienkompetenz…

Katinka Beber: Ja, aber Medienkompetenz versteht bzw. missversteht man schnell nur so: Wie bediene ich einen Computer? Oder wie eigne ich mir an, Nachrichten in Twitter und Facebook zu setzen? Die Erfordernisse reichen aber viel weiter. Sie gehen weit über Medienkompetenz hinaus bis hin zu: Wie eigne ich mir in diesem Dschungel aus Medien die Welt an? In Zeiten von Facebook & Co heißt Medienkompetenz ja auch, junge Menschen dafür zu sensibilisieren, dass soziale Plattformen durchaus auch ungemütlich werden können. Die besondere Herausforderung dabei ist, dass wir älteren Kalibers ja gar nicht so aufgewachsen sind und nun den Kindern Medienkompetenz beibringen sollen. Das ist ja auch ein bisschen paradox.

Man braucht eben junge Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die in einer ähnlichen Welt leben.

Katinka Beber: Man braucht unbedingt auch junge Fachkräfte. Aber man braucht auch durchaus die älteren, die andere Erfahrungen haben, um einen angemessenen Blick auf die Veränderung zu gewinnen. Es geht um Verknüpfungen. Da ist es super, wenn ich gemischte Teams habe. Diese verschiedenen Blicke und Perspektiven zu verknüpfen, das erscheint mir als etwas ganz Lohnendes.

Sie zählen zu den Initiatorinnen und Mitverfasserinnen der Schöneberger Thesen. Was hat es damit auf sich?

Katinka Beber: Hier geht es um die Frage: Wie sehen die Arbeitsbedingungen von pädagogischen Fachkräften aus? Jetzt, wo ich die Verantwortung für Einrichtungen eines Trägers habe, spüre ich quasi am eigenen Leib, was ich vorher mehr intellektuell wusste, dass man als Träger auf vielen Ebenen gar nichts bewirken kann. Also ich kann nicht allein dafür sorgen, dass all unsere Kitas super ausgebaut und ausgestattet werden, so viel Geld haben wir gar nicht als Träger. Ich kann den Personalschlüssel nicht alleine verändern. Ich kann die Eingruppierungen von Erzieherinnen und Erziehern nicht alleine verändern. Und so weiter. Das bedeutet: Ich muss mich verbünden. Ich muss meine Netzwerke knüpfen. Das haben wir versucht zu tun über das Anregen und Einbringen einer politischen Debatte, um aus einer fachlichen Sicht Strategien und Forderungen auf die politische Ebene zu transportieren. Dazu sind die Schöneberger Thesen ein Beitrag. Wir möchten die Diskussion in der fachpolitischen Welt anregen und fragen: Was genau brauchen wir? Was sind eigentlich bessere Arbeitsbedingungen? Wie können wir Menschen dazu anregen, diesen Beruf zu ergreifen? Da spielt so etwas Profanes wie der Verdienst durchaus eine Rolle, vor allem bei den gewachsenen Anforderungen, die es in den letzten Jahren gegeben hat.

Sie haben einen anstrengenden Beruf. Träumen Sie manchmal von Sitzungen, Problemen, Konflikten?

Katinka Beber: Zum Glück selten. Manchmal ja. Manchmal nehme ich etwas mit in die Nacht. Aber hier ist es vielleicht ein Vorteil, wenn man nicht mehr ganz jung ist. Dann weiß man einfach, dass die meisten Dinge viel mehr Zeit brauchen, als man so denkt und als man sich wünscht. Und dann ist es eben so. Es ist auch etwas Gesundheitsförderliches, wenn man sich nicht zusätzlich selber unter Druck setzt: Das muss jetzt alles von heute auf morgen klappen, und zwar ratzfatz, und jetzt habe ich’s schon drei Mal gesagt, jetzt muss doch endlich mal was passieren. Nö. So sind Veränderungsprozesse nicht, und insofern habe ich da eine gewisse Gelassenheit entwickelt.

Wie oft checken Sie Ihre Arbeitsmails am Tag?

Katinka Beber: Och… bestimmt fünfzig Mal... Nein, ich weiß es nicht, aber oft, meist unterwegs auf dem Handy.

Sie haben einmal die Zusammenarbeit von Verwaltung und Sozialpädagogik als "interkulturell" bezeichnet. Was meinten Sie damit?

Katinka Beber: Damit meinte ich, dass wir in verschiedenen Denk- und Diskursformen stecken. Jemand, der in der Verwaltung arbeitet, empfindet in der Regel andere Dinge als angenehm und wichtig als Sozialpädagog/innen. Abarbeitbares zum Beispiel, eine klare Orientierung zu haben und zu geben. Auch, dass Dinge wiederholbar und zuverlässig sind. Das kann sehr positiv sein auch für eine Zusammenarbeit. Kann auch manchmal ein Ärgernis sein, weil es als zu starr empfunden wird von Sozialpädagog/innen. Umgekehrt genauso. Also dieses auf den einzelnen Menschen, die Beziehung fokussiert sein, das Querdenken, das Kreative, das, was Sozialpädagog/innen und Erzieher/innen einbringen, das ist manchmal ein großes Ärgernis für die Verwaltung, die auf Regeln und Vorschriften achten muss. Deshalb erlebe ich solche Begegnungen als herausfordernd und notwendig – übrigens auch mit Schule, das ist auch eine interkulturelle Begegnung – dass man in verschiedenen Denksystemen steckt und dass man sich das manchmal gar nicht klar genug macht. Wenn ich in ein anderes Land reisen würde, dann würde ich ja auch erst einmal versuchen, zu verstehen. Das eine oder andere würde mich vielleicht erstaunen oder schockieren oder begeistern. Ich finde, so kann man auch auf die Kollegen aus anderen Bereichen zugehen. Viele Fragen stellen. Manchmal benutzt man zum Beispiel die gleichen Worte und man denkt, man versteht sie, aber eigentlich versteht man sie gar nicht. Weil ein anderes Konzept hinter einem bestimmten Wort steht. Und das muss man erst einmal herausfinden, dann wird der Dialog fruchtbar, dann entsteht vielleicht ein gemeinsamer dritter Raum.

Wer Sie kennt weiß, dass Ihr Herz für Kreuzberg schlägt. Was gefällt Ihnen dort so gut?

Katinka Beber: Ich mag, dass das so ein lebendiger und politischer Bezirk ist. Auch wenn er sich gerade verändert und sich dort auch gerade Gentrifizierungsdynamiken breit machen. Es ist trotzdem immer noch ein Labor, würde ich sagen, des gesellschaftlichen Zusammenlebens, was beispielhaft ist für Berlin und sogar darüber hinaus. Konflikte, die wir da haben, die wir als erstes in Kreuzberg haben wie zum Beispiel mit den Geflüchteten am Oranienplatz oder ähnliches, sind eigentlich, wie sich dann herausstellt, Konflikte, die die ganze Gesellschaft dann später haben wird, mit denen sie sich auseinandersetzen wird. In Kreuzberg sind sie immer ein bisschen früher. Oder: Wir haben als Erste gesehen, dass die Kitaplätze nicht ausreichen, oder dass die Erzieherinnen und Erzieher nicht ausreichen werden und wir auf einen Fachkräftemangel zusteuern, und haben das vor vielen vielen Jahren schon immer wieder an die Senatsverwaltung herangetragen.

Warum ist da nichts passiert?

Katinka Beber: Das ist eben unbequem. Da Handlungen zu finden ist unbequem, und manchmal liegt es vielleicht auch daran, dass Kreuzberg insgesamt als unbequem angesehen wird, und dann wird es eben auch gern lieber abgetan als dass man sich fragt: Ist da vielleicht ein Warnsignal, dass man schon einmal wahrnehmen sollte und sich Gedanken machen sollte? Oder sage ich: Ach, die Kreuzberger spinnen sich mal wieder einen ab – und verpasse so eine Chance, frühzeitig zu reagieren. So ist das manchmal mit Vorurteilen...

Man fragt sich schon: Warum kommen Probleme wie aktuell der Fachkräftemangel für manche so "überraschend"?

Katinka Beber: Für mich kam das gar nicht überraschend. Was habe ich heute im Tagesspiegel-Checkpoint (Newsletter des Tagesspiegels - Anmerkung der Redaktion) gelesen… den lese ich ja sehr gerne, weil er so schön witzig zuspitzt. Da haben die sich auch mal wieder darüber lustig gemacht, dass es so "überraschend" ist, dass in der kalten Jahreszeiten der Winter kommt. Jedes Jahr aufs Neue. Die Bahn bereitet sich aber nie ausreichend darauf vor. So scheint es in der Senatsverwaltung leider auch oft zu sein.

Wo finden Sie Entspannung?

Katinka Beber: Ich finde Entspannung beim Essen. Ich esse wahnsinnig gerne und liebe gutes Essen. Von daher koche ich gern, werde aber auch gern bekocht. Ich lese gern. Ab und an gucke ich auch einfach gern Krimis auf dem Sofa zum Entspannen. Aber mich entspannt auch, mich einfach mit Freunden zu treffen zum Quatschen oder zum gemeinsamen Kochen. Und ich gehe sehr gern ins Theater. Früher habe ich auch Theater gespielt und guck heute immer noch gern Theater und verfolge die Szene, was sich da so abspielt. Einmal die Woche singe ich im Chor, das finde ich auch extrem entspannend. Singen geht durch den ganzen Körper und bringt den Kopf sofort weg von Arbeit und allen Problemen.

Ein gutes Buch, dass Sie kürzlich gelesen haben?

Katinka Beber: Gerade habe ich ein wunderbares Buch gelesen von einer Norwegerin: "Die Geschichte der Bienen". Das ist ein Buch, das in drei verschiedenen Zeitzonen spielt: im England des 19. Jahrhunderts, in der USA von heute und in China im Jahr 2098. Was passiert? Machen die Menschen alle Fehler noch einmal, oder versuchen sie, anders damit umzugehen? Es ist so eine Verwebung von hochaktuellen, umweltpolitischen Problemen. Wir sind da ja mittendrin. Ich habe mal gehört, spätestens fünf Jahre, nachdem die letzte Biene gestorben ist, wird auch der Mensch sterben. Wir machen uns gar nicht bewusst, wie sehr wir von der Bestäubungstätigkeit der Bienen abhängen. Gleichzeitig ist es ein richtig schöner Familiensaga-Roman. Und außerdem noch interkulturell. So etwas mag ich. Dicht und vielfältig und mit einem realen, gesellschaftlich bedeutsamen Kern. Und natürlich finde ich es supertoll, dass es im PFH im Bereich Natur- und Werkpädagogik eine Bienenzucht gibt, dass sie dort so dicht dran sind an diesen Themen. Im Sinne von Nachhaltigkeitspädagogik finde ich diesen Strang des PFH von Natur- und Werkpädagogik, Lernwerkstätten, Verknüpfung von praktisch-ökologischen-forschenden Handeln mit Lernen ganz toll. Davon bin ich extrem überzeugt, und ich wünsche mir hier noch viel mehr Verknüpfung zu Kitas und Grundschulen. Das habe ich auch schon angeregt. Werkpädagogik ist ein eigener Ansatz, der sich aber gut verknüpfen lässt mit Early Excellence in den Kitas.

Welches sind Ihre wichtigsten Charaktereigenschaften in Bezug auf Ihren Beruf?

Katinka Beber: Das Erste, was mir einfällt: Ich bin wirklich neugierig und guck so richtig gern um mich herum. Ich bin eine große Verbinderin. Ich verbinde gern immer alles. Ich mag es nicht dabei belassen zu sagen: die Bereiche sind getrennt oder gar verfeindet. Ich möchte gern, dass man miteinander reden lernt. Das war für mich immer ganz wichtig, und das finde ich im Beruf sehr nützlich. Kommunikation ist für mich das A und O. Ich glaube, ich kann ganz gut kommunizieren. Natürlich bin ich auch begrenzt in meinem Menschsein und mache meine Fehler. Das gehört eben dazu, und ich finde, auch hier muss man kommunizieren lernen. Meistens ist es so, dass Fehler überhaupt gar nicht so schlimm sind, wenn man relativ schnell kommuniziert. Gefühle wie Groll, Zurückgesetztsein und Verletzungen soll man nicht groß werden lassen. Manchmal sind die da und auch berechtigt, aber man kann besser damit umgehen, wenn man miteinander redet und die unterschiedlichen Perspektiven wahrnimmt. Und ich habe schon gerne Einfluss. Deswegen bin ich Leitung.

Wenn Sie es sich wünschen könnten: Wo würde das PFH in fünf Jahren stehen?

Katinka Beber: Ich fange mal bei handfesten Sachen an. Ich würde wahnsinnig gern etwas erreichen in Richtung Sanierung verschiedener Gebäude und Einrichtungen, die wir so haben. Was ich da gesehen habe, das hat mich schon erschüttert, weil so schnell keine Lösungen in Sicht sind. Wir haben einen riesigen Sanierungsstau, und einige Kitas und Schulen sind in einem sehr unbefriedigenden Zustand. Wir müssen da Geldquellen auftun, das bekommen wir nicht aus dem laufenden Haushalt hin.

An welche Geldquellen denken Sie?

Katinka Beber: Bei Umbauten, die für inklusives Arbeiten nötig sind, müssen wir an Stiftungen – Lotto, Aktion Mensch, Ähnliches – herangehen. Insgesamt ist mir deutlich geworden, dass unser Sanierungsstau weder mit dem Kuratorium noch mit der zuständigen Senatsverwaltung schon richtig besprochen worden ist. Entweder müssen von dort nun Investitionsmittel kommen, oder wir finden eine andere Lösung. Denn an den ganzen Geldern, die derzeit für den Neubau und die Sanierung von Kitas ausgeschüttet werden, können wir als Stiftung öffentlichen Rechts nicht partizipieren. Wir sind da in so einer komischen Zwitterstellung, dass wir weder einen Kredit aufnehmen können wie ein freier Träger, noch sind wir an den Sanierungsgeldern beteiligt, die die Eigenbetriebe bekommen, die ja in einer ähnlichen Lage sind wie wir, also keine Kredite aufnehmen dürfen. Das Land Berlin wäre der Schuldner, und das geht nicht. Da hat man einfach an das Pestalozzi-Fröbel-Haus nicht gedacht, und das versuche ich zu ändern. Wie das dann im Konkreten für die Senatsverwaltung besser möglich ist, ob wir am Sanierungstopf für Eigenbetriebe partizipieren können, oder ob das über andere Investitionsmittel gemacht werden kann, das ist mir dann im Prinzip egal. Auf jeden Fall muss erstmal das Problem erkannt werden, dass wir aus den laufenden Haushalten niemals das stemmen können, was hier nötig ist, um die Häuser zu erhalten und besser zu machen.

Noch einmal zurück zur Zukunft…. Wo steht das PFH in fünf Jahren?

Es ist mir in der Tat ein Anliegen, dass unsere Verwaltung, unsere Serviceeinheiten und die Fachabteilungen Schule und Jugendhilfe wesentlich enger zusammenarbeiten. Ich möchte daran arbeiten, dass die Arbeitsabläufe und die komplette Organisation transparenter, klarer und effektiver werden. Im PFH haben wir das große Pfund, dass wir die Praxisarbeit in der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe und die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern unter einem Dach haben. Die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen möchte ich intensivieren. Da stelle ich mir vor, dass wir gemeinsame Entwicklungsvorhaben verfolgen zwischen Praxis und Ausbildung und eine forschende Ideenentwicklung sowohl für die Praxis als auch für die Ausbildung vorantreiben, um da noch viel mehr zu profitieren, als wir es bisher machen. In fünf Jahren, würde ich sagen, feiern wir ein großes Fest mit allen Leitungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Mellensee und weihen dort ein schönes Haus ein, keine Villa, aber vielleicht ein Blockhaus, was dann für Projekte der Naturpädagogik, für Kinder, Jugendliche und Familien und auch von Mitarbeiter/innen genutzt werden wird. Das PFH-Grundstück am Mellensee sehe ich als großen Schatz an, der gemeinsam gehoben werden sollte. Gerade in einer wachsenden Großstadt wie Berlin, die überall noch weiter baulich verdichtet wird, ist es eigentlich ein Glücksfall, dass wir als Stiftung über ein Stück Natur verfügen, dass wir gestalten und allen Beteiligten für unterschiedliche Aktivitäten zur Verfügung stellen können. Hier sollten wir unbedingt investieren.

Das Interview führte Julia Ziegler
Berlin, im Januar 2018