Seyran Ateᶊ sprach auf dem KJH-Tag 2016 des Pestalozzi-Fröbel-Hauses über die Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Integration. Foto: Julia Ziegler

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Wie gelingt die Integration geflüchteter Menschen?

Unter dem Titel "Nach der Flucht... Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Integration" fand am 22. Juli 2016 der jährliche "KJH-Tag" des Pestalozzi-Fröbel-Hauses statt. Zu den Rednern zählten die Anwältin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin Seyran Ateᶊ und der Jugendamtsdirektor von Tempelhof-Schöneberg Rainer Schwarz. Grußworte sprachen der Jugendstadtrat von Tempelhof-Schöneberg Oliver Schworck und die Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller. Die Veranstaltung wurde moderiert von der PFH-Mitarbeiterin Beate Lutze.

KJH-Tag 2016: "Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Integration"

Längst ist das Pestalozzi-Fröbel-Haus auch ein Ort für geflüchtete Menschen geworden. Kinder aus Flüchtlingsfamilien besuchen unsere Kindertagesstätten oder Ganztagsbetreuungen und machen mit bei den Freizeitprogrammen unserer offenen Einrichtungen; Erwachsene kommen in unsere Nachbarschafts- und Familienzentren oder nehmen an Weiterbildungsprojekten teil.

Kulturelle Unterschiede bei Fragen rund um Erziehung, Bildung und Gesellschaft werden immer wieder sichtbar. Wie positionieren wir uns im pädagogischen Alltag, wenn es zum Beispiel um die Rechte von Kindern, Frauen und Minderheiten geht? Wie reagieren wir, wenn wir Gewalt in der Erziehung oder häusliche Gewalt mitbekommen? Wie verhalten wir uns, wenn Kindern verboten wird, an bestimmten Aktivitäten teilzunehmen? Wenn abfällige Äußerungen fallen?

Diese Thematik bestimmte den diesjährigen KJH-Tag des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (PFH). Zu diesem Fachtag treffen sich traditionell alle rund 450  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe des PFH am letzten Arbeitstag vor den Sommerferien.

Begrüßung und Grußwort: Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses

"Unsere Einrichtungen haben nicht erst lang und breit über neue Konzepte diskutiert, sondern gehandelt", sagte die Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller in ihrer Eröffnungsrede. "Wir haben Familienzentren, Kitas und Schulen geöffnet für geflüchtete Menschen. Und wir vernetzen uns mit anderen Akteuren im Stadtteil, die Angebote für geflüchtete Menschen gestalten. Denn nur gemeinsam können wir die Herausforderungen bewältigen." Geflüchtete bräuchten Unterstützung und Hilfe, das sei klar. Aber Unterstützung, die ihnen dabei hilft, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich aktiv zu integrieren. "Arbeit und Ausbildung sind dabei die eigentlichen Integrationsfaktoren. Dafür stehen wir als PFH", so Hebenstreit-Müller. Zentral aber sei, dass die Menschenrechte eingehalten werden, denn: "Es gibt keine Kultur mit mehr oder weniger Menschenrechten. Menschenrechte gelten global".

Als Rednerin zum Thema Menschenrechte stellte die Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Seyran Ateᶊ vor. Die deutsche Anwältin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin türkisch-kurdischer Herkunft war am Wochenende vor dem KJH-Tag zwei Stunden vor dem Putsch aus ihrer Heimatstadt Istanbul ausgeflogen. Zufällig, sie hatte einen Termin für eine Preisverleihung in Berlin. Später wäre sie wahrscheinlich gar nicht mehr aus Istanbul herausgekommen, und fürs Erste kann sie nicht nach Istanbul zurückkehren. Seyran Ateᶊ ist vielen bekannt als engagierte Frauenrechtlerin. Ihre Berliner Anwaltskanzlei musste sie schließen, weil sie immer wieder Morddrohungen erhielt. Aus der Perspektive einer in Istanbul geborenen Migrantin und zugleich gläubigen Muslimin prangert sie patriarchale Strukturen in türkischstämmigen Familien an, äußert sich zu Zwangsheirat, Ehrenmorden und Kopftuch für Musliminnen. "Seyran Ateᶊ streitet für das Recht von Frauen auf ein eigenes Leben, auf Partizipation durch Bildung und demoktratische Teilhabe - Dinge, die im Pestalozzi-Fröbel-Haus von Beginn an Bedeutung hatten. Und wir wissen: all dies ist Bedingung dafür, dass es auch den Kindern gut geht", so Hebenstreit-Müller.

Grußwort von Oliver Schworck, Jugendstadtrat von Tempelhof-Schöneberg

"Es ist wichtig, dass es Leute gibt wie Sie, die einfach anpacken", würdigte Oliver Schworck die Arbeit der Teams des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. "Wir haben keine Erfahrung damit, dass so viele Menschen neu in der Stadt sind". Die große Anzahl an geflüchteten Menschen hätte nicht nur die Berliner Verwaltung an den Rand der Leistungsfähigkeit gebracht. Am Anfang sei es vor allem darum gegangen, den geflüchteten Menschen erst einmal ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. Dann erst sei die Frage gekommen: Wie machen wir das mit der Integration? Es sei enorm wichtig, andere Menschen, geflüchtete Menschen, zu verstehen. "Denn aus Unverständnis heraus entstehen Missverständnisse, dann kommt die Angst und dann der Hass. Deswegen müssen wir uns verstehen."

Impulsreferat von Rainer Schwarz, Direktor des Jugendamtes von Tempelhof-Schöneberg, zum Thema "Jugendhilfe unter Druck: Herausforderungen und Lösungsansätze bei der Integration von geflüchteten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien"

Jugendamtsdirektor Rainer Schwarz lenkte den Fokus vor allem auf die circa 4.000 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die im Jahr 2015 in Berlin aufgenommen worden waren. Allein im November und Dezember seien so viele Jugendliche gekommen wie sonst in einem Jahr. "Es gab viele Schwierigkeiten, so dass die Jugendlichen viel länger als die ursprünglich geplanten drei Monate in temporären Unterbringungen bleiben mussten". Viele von ihnen seien jetzt noch in diesen temporären Unterbringungen, und viele von ihnen benötigten Unterstützung. Schwarz setzte sich ein für ein koordiniertes Unterstützungssystem für alle Bezirke, für einen verstärkten Platzausbau, wobei es ausdrücklich keine Spezialeinrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge geben sollte und auch keine Großeinrichtungen für geflüchtete Menschen. Und er warb für ein "Bürgerbudget Integration", aus dem die vielversprechendsten Ideen von Ehrenamtlichen sowie von Bürgerinnen und Bürgern finanziert werden sollten.

Vortrag von Seyran Ateᶊ, Anwältin und Autorin: "Die islamische Herausforderung: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Gefahr?"

Seyran Ateᶊ stand als letztes auf der Rednerliste, ihr wurde aber auch mit eineinhalb Stunden die längste Redezeit zugedacht. "Es gibt mein Thema, und es gibt die aktuellen Geschehnisse in der Türkei", leitete sie ihren Vortrag ein. "Sie machen mich sprachlos und atemlos. Und natürlich hängt alles mit allem zusammen." Weltweit seien die Menschen mit islamistischem Terror konfrontiert, und es sei nur eine Frage der Zeit, bis ein weiterer Terroranschlag in Deutschland verübt werde. Zentral seien folgende Fragen: "Wie kommt es zur Radikalisierung von Jugendlichen? Warum lassen wir diese Radikalisierung zu? Warum sind wir so hilflos?"

Als zentralen Fehler sieht Seyran Ateᶊ die Angst von vielen Menschen, Dinge auszusprechen, die Angst, als "Rassist" abgestempelt zu werden. "Es ist erschreckend, wie schwierig es ist, eine eigene Meinung zu äußern, ohne in irgendeine 'Ecke', rechts oder links, gedrängt zu werden", sagte sie. "Auch Journalisten eiern herum, das ist nicht richtig!"

Zu den versammelten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen des Pestalozzi-Fröbel-Hauses sagte sie: "Ihre Arbeit, Ihr täglich Brot ist: Wie schätze ich die verschiedenen Ereignisse ein, wie gehe ich mit der kulturellen Vielfalt um?" Dazu gehöre es auch wahrzunehmen, wenn es kulturelle Unterschiede und Probleme gebe. Und offen, ohne Angst darüber zu reden. Nach Lösungen zu suchen. Zum Beispiel, wenn manche Jugendliche die Erfolge der IS unterstützten. Bei derartigen Problemen dürfe niemand wegschauen. "Man muss mit den jungen Menschen über Probleme reden", sagte sie. "Generell muss man sich fragen: Wer sind diese Menschen, die zu uns kommen? Wie denken sie? Und nie darf man verallgemeinern."

Sie plädierte dafür, so viel wie möglich mit geflüchteten Menschen zu sprechen. Und ihnen klar zu machen, das nicht alles eine Last, sondern manches auch ein Geschenk sei. Wie zum Beispiel die vielen Sprachen, die geflüchtete Menschen oft beherrschen. Eine gewisse innere Zerrissenheit, die bei der Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen entstünde, sei völlig in Ordnung und normal. Man müsse sich und anderen diese Zerrissenheit aber bewusst machen. "Das Wort Heimat hat einen Plural. Den Begriff 'Heimaten' gibt es ganz offiziell", so Ateᶊ.

Auch müsse man sich und allen anderen bewusst machen, wie vielfältig der Islam sei. "Es gibt nicht den einen Islam, sondern viele verschiedene Ausprägungen. Immer muss man genau hinschauen", betonte Ateᶊ.

Und generell bei allem gelte: "Verteilen Sie bloß keine Broschüren!", legte Ateᶊ ihren Zuhörerinnen und Zuhörern ans Herz. "Reden Sie mit den Menschen!"

Ziel sei es, den jungen Menschen beizubringen, sich gegenseitig zu respektieren mit all den kulturellen Unterschieden, die bestehen. Dies allerdings in den Grenzen unserer Grundrechte. "Man darf nicht denken, dass man sich im Dialog mit anderen Kulturen anders verhalten muss. Menschenrechte gelten für alle Kulturen."

Eine Dokumentation von Julia Ziegler, Pestalozzi-Fröbel-Haus
Berlin, den 22. Juli 2016

BILDERGALERIE: Rückblick auf den KJH-Tag 2016