Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (links) und Prof. Dr. Frauke Hildebrandt, Fachhochschule Potsdam

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"Das, was ich an Dir sehe, finde ich mutig"

Rede von Prof. Dr. Frauke Hildebrandt, Fachhochschule Potsdam, zur Verabschiedung der Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller in den Ruhestand

Pestalozzi-Fröbel-Haus Berlin, 30. Juni 2017

"Liebe Sabine!

Es ist ja nun wirklich dein letzter Tag als Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses – am Montag bist du weg. Und so will ich dir mit ein paar Worten danken – auch wenn ich weiß, dass dir das nicht sehr recht ist.

Ich weiß, dass ich Pathos meiden muss – das ist ja fast ein Befehl. Ich werde mich um Knappheit und Nüchternheit bemühen, doch das wird dir sicher nicht reichen.

Wir kennen uns ja noch nicht so lange, seit drei Jahren, da hast du Feuer gefangen für die Idee, pädagogische Interaktionen als Weiterentwicklung im Early Excellence-Ansatz aufzunehmen, spannend fandest du unsere Sicht und methodische Vorgehensweise. Davon wolltest du mehr wissen, mehr haben, und so sind auch die Projekte entstanden, von denen wir berichtet haben.

Ein paar besondere Dinge an dir sind mir ziemlich gleich aufgefallen. Drei greife ich heraus.

Das Erste war der anregende Eindruck eines Menschen, der auf der Suche ist. Ich habe mich gefragt – wonach eigentlich auf der Suche? Genau kann ich es natürlich nicht sagen, aber mir kommt es so vor: Danach, wie man etwas richtig gut machen kann. Gerade gestern, als wir über die Tagung gesprochen haben, da hast du es selbst wieder gesagt, dass du Perfektionistin bist. Und ich glaube, du bist auf der Suche danach, wie es sich in echt anfühlt, was die PädagogInnen in der Praxis tun oder auch was sie tun sollen. Du selber wolltest dich unbedingt in KAI videografieren lassen und ein Feedback bekommen wie sie, die PädagogInnen. Doch vor allem suchst du, denke ich, nach neuen Gedanken, nach Herausforderungen, möglichst jenseits dessen, "was man gerade so macht" und "wie es gerade für richtig befunden wird". Und dabei, scheint mir, suchst du auch nach Leuten, mit denen zusammen du etwas auf die Beine stellen kannst, was sich wirklich lohnt!

Das Zweite ist: Dein scharfer Sinn, deine Klugheit – Klugheit, das heißt hier für mich: die Fähigkeit, genau hinzuhören, aufzunehmen, was andere sagen, und die Freude am Widerspruch, an der Einwendung, die begründet ist. Und das heißt Freude daran, mit ernster Miene ernst zu diskutieren, die Lust, zu hinterfragen, was man eigentlich schon immer für richtig hält und genau weiß, und die Freude darüber, dass dir da möglicherweise ein Mensch gegenübersitzt, der satisfaktionsfähig ist im Streit.

Das Dritte, was mir aufgefallen ist: Der Wille, auch durchzusetzen und in die Wirklichkeit zu überführen, was du aus vielen Gesprächen begründetermaßen für sinnvoll befunden hast. "Klar, das machen wir." Der Wille, gegen Widerstände im Ernstfall allein dazustehen, Widerstände von wem auch immer (vielleicht auch von dir selbst), und um den Preis womöglich, als uneinsichtige Störenfriedin gelten zu müssen – ja, diese deine Standhaftigkeit ist wirklich erstaunlich.

Das, was ich an dir sehe – Suche, scharfer Sinn und Widerstand –, finde ich mutig. Das ist in unserem Umfeld sehr selten und ist mir so kaum begegnet bisher – und es macht mir selber Mut. Dafür danke ich dir.

Ich weiß nicht, wie es für dich nun sein wird, wenn du nicht mehr Direktorin bist, wie viel dir fehlen mag. Es könnte viel sein. Aber eines will ich dir sagen: Wenn du die Zeit finden könntest und finden wolltest, die Zeit, an gemeinsamen Praxisentwicklungs- und Forschungsprojekten konzeptionell mitzudenken, sie zu gestalten und mit Studierenden im BA- oder MA-Studiengang zu arbeiten und zu lehren, dann wäre ich sehr, sehr froh!"

Diese Rede hielt Prof. Dr. Frauke Hildebrandt während des Fachtags "Nachdenken mit Kindern - Ergebnisse und Ideen zu Sustained Shared Thinking aus Forschung und Praxis" am 30. Juni 2017 im Pestalozzi-Fröbel-Haus

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