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"Du bist so eine Art Harley-Fahrerin (...) gern vorweg, da wo der Wind von vorn kommt und wo es der Sonne entgegen geht"

Rede von Prof. Dr. Ursula Rabe-Kleberg, Professorin für Bildungssoziologie an der Martin-Luther-Universität Halle–Wittenberg (em. 2012), zur Verabschiedung der Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller in den Ruhestand

Liebe Sabine!

Was soll ich nach soviel Lob und so vielen Berichten über wunderbare Kooperationen und über ungezählte Erfolge noch sagen?

Bleibt mir nur, ein paar sehr persönliche Worte zu sagen. Und um des Kontrastes willen werde ich über ein Missverständnis zwischen uns sprechen. Nein, keinen Streit, keinen Konflikt, ein Missverständnis, das sich erst in den letzten Tagen in Luft aufgelöst hat.

Zuvor aber:

Sabine, Du und ich, wir kennen uns ein halbes Leben, mindestens 30 Jahre, wenn nicht länger. In den vielen Jahren sind wir zusammen um die halbe Welt gereist, von Tallin im Norden, Porto im Westen, Prag im Osten und Neuseeland, ganz im Süden – um nur einige zu nennen. Immer auf der Suche nach Beispielen guter Praxis in Kindereinrichtungen, vor allem aber nach Menschen mit elektrisierenden Ideen und hohem Engagement. Viele von denen haben danach hier an diesem Pult gestanden und den Diskurs mit der Fachöffentlichkeit in Deutschland weitergeführt.

Irgendwann, nahezu unbemerkt, sind wir Freundinnen geworden.

In diesen mehr als dreißig Jahren waren wir immer im Gespräch, immer haben wir die Ideen weitergetrieben, haben Initiativen gestartet, jede an ihrem Ort, aber immer im fachlichen Austausch und im kontinuierlichen Verständigungsprozess. Dabei war ich immer eher diejenige, die beobachtet und kommentierend begleitet, wie Du, Sabine, die Welt der Kleinkinderziehung verändert hast, ganz handfest, ganz praktisch, mit ungeheurem Führungsgeschick, immer vorne weg und - hartnäckig.

Über die Einführung von EEC hier am pfh ist an meinem Lehrstuhl gar eine Doktorarbeit geschrieben worden. Ich selbst habe 10 Jahre lang im Beirat die aufregenden Veränderungsprozesse begleitet.

Meine Fakultät an der Universität in Halle hat Dein Wirken mit der höchsten Auszeichnung geehrt, die sie zu vergeben hat, einer Professur und hat sie so zu einer der ihren in academia gemacht. So etwas ist in den 20 Jahren meiner Dienstzeit nur noch einmal passiert. Damals wurde Susanne Thurn, der langjährigen Leiterin der Laborschule in Bielefeld diese Ehre für ihr reformerisches Wirken in der Schule zu Teil.

Was aber ist nun mit dem Missverständnis, mit dem ich meine Rede begonnen habe? 

Dazu gehen wir noch einmal an den Anfang unserer Beziehung, in das von Frau Süssmuth geleitete Institut Frau und Gesellschaft in Hannover. Ich war neu, erst ein paar Tage im Institut, da kam Sabine, mit der ich zusammen ein Projekt machen sollte, morgens herein und hatte eine wunderschöne braune Ledermontur an. Hautenge Hose, kurze Jacke, mit solchen Schultern! Tres chic!

Die männlichen Kollegen – ja so etwas gab es in dem Fraueninstitut – riefen: "Mönsch, Sabine! Biste heute wieder mit dem Motorrad?" Und Sabine in vollem Ernst, "Ja, klar!"

Ich, die ich den Tonfall in diesem Haus noch nicht einschätzen konnte, und die ich Sabine noch nicht kannte, nahm dies für wahre Münze. (Es war für Frauen damals auch gerade angesagt, möglichst schwere Maschinen zu fahren). Ach, dachte ich, diese Frau fährt bestimmt eine Harley Davidson (denn so eine hätte ich auch gern gefahren, hätte mich aber nie getraut). Dir traute ich das zu.

Dieser Mythos des Anfangs blieb so eine Geschichte, über die wir später nie mehr redeten, sie bleib in meinem Kopf und wurde nie wieder befragt.

Irgendwann in den letzten Jahren erzähltest Du mir dann einmal begeistert von einem Mann aus Deinem Freundeskreis, der eine Harley fährt und der mit einer Gruppe von Harleyfahrern – einem Chapter - zusammen nach Frankreich gefahren sei, wobei er eine besondere Funktion habe. Er fährt voraus, bestimmen Richtung und Route, entscheidet über Geschwindigkeit und Halt, bleibt dabei in ständigem Kontakt mit der Gruppe ist aber ganz klar derjenige, der entscheidet und – der auch die Verantwortung trägt.

Ja, habe ich gedacht, Sabine, Du bist auch so eine Art Harley Fahrerin – und die Szene von vor 30 Jahren fiel mir wieder ein. Du fährst voraus, nicht mit 240 Stundenkilometern, sondern eher langsam, dafür kontinuierlich. Du bestimmst, wann es Zeit ist, innezuhalten und nachzudenken. Du teilst die Begeisterung und das Engagement Deines "Chapters" und sorgst dafür, dass diese Voraussetzungen für eine gute Reform – ähm, ich meine für eine gute Reise - nicht im Stress zu langer Fahrten oder im Dauerregen verlöschen. Du kennst das Ziel – so in etwa – warst aber selbst noch nicht dort. Du weißt, dass wir alle, die mit Dir reisen, Dir vertrauen, dass wir ankommen werden.

Du weißt, dass die Maschine, auf der Du fährst, so schwer ist, dass Du sie nicht wieder aufrichten kannst, sollte sie einmal umkippen oder ins Schleudern geraten. Das brauchst Du auch nicht zu befürchten, denn Du bist meistens in guter Balance.

Du bist gern vorweg, da wo der Wind von vorn kommt und wo es der Sonne entgegen geht. Du hast auch etwas von einem easy rider, aber das kommt nur manches Mal durch und wird von Dir mit einem Lächeln abgetan.

Vor einigen Tagen, als ich über diese Worte nachdachte, fragte ich Dich, was für eine Maschine Du denn damals gefahren seist, als Du diese wahnsinnige Lederkluft anhattest. Und Du lachtest und sagtest, Du habest damals gar kein Motorrad gefahren. Aber an die Ledermontur könne sie sich erinnern ...

Alles nur ein Missverständnis?

Vielleicht sollte mal jemand rausgehen und gucken, ob nicht vor dem Tor eine Harley steht, auf die Sabine gleich steigen könnte, um mit wehenden Haaren und ebensolchen Rockschößen der neuen Freiheit entgegen zu fahren.

Diese Rede hielt Prof. Dr. Ursula Rabe-Kleberg während des Fachtags "Nachdenken mit Kindern - Ergebnisse und Ideen zu Sustained Shared Thinking aus Forschung und Praxis" am 30. Juni 2017 im Pestalozzi-Fröbel-Haus