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Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (vierte von links) und Gerd Schmitt, ehemaliger Leiter der Kinder- und Jugendhilfe des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (im Bild erster von rechts

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"Early Excellence ist mit Deinem Namen unzertrennlich verbunden"

Rede von Gerd Schmitt, ehemaliger Leiter der Kinder- und Jugendhilfe des Pestalozzi-Fröbel-Hauses, zur Verabschiedung der Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller in den Ruhestand

Pestalozzi-Fröbel-Haus Berlin, 30. Juni 2017

"Liebe Sabine,

mit einer Fachtagung und einem Sommerfest begehst Du Deinen letzten Arbeitstag als Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses.

Für den ersteren hast Du selbst gesorgt, geplant, und Dich ins Zeug gelegt, jetzt kommt der leichte Teil: "Keine großen Reden und Würdigungen, sondern Spaß und Freude wollen wir miteinander haben." Den Wunsch respektieren wir, aber so ganz ohne ein paar Anmerkungen zu Deinem Wirken in mehr als 18 Jahren in der Leitung dieses Hauses lassen wir Dich nicht gehen.

18 Jahre Leitung des PFH – das war ausreichend Zeit auf die Entwicklung der Stiftung Einfluss zu nehmen – und davon hast Du nachhaltig Gebrauch gemacht  - und nicht nur die symbolträchtigen drei Buchstaben aus England kennzeichnen diese Phase eines hochdynamischen Wachstums des PFH, an Mitarbeitern, Arbeitsfeldern, Konzepten, Finanzen und einem vorher nicht gekannten Bauboom.

Sicherlich verdankt sich diese Entwicklung dem gestiegenen Stellenwert frühkindlicher Bildung, Lernen am Ganztag, Schulkooperationen, Familienzentren etc. und der Übertragung von Aufgaben des Landes Berlin an Freie Träger. Andere Akteure sind in diesen Jahren ebenso gewachsen.

Deine Rolle in diesem Prozess war nicht die der Antreiberin, die Wachstum um jeden Preis auf der Agenda hatte, sondern eher die prüfende Instanz, wo eine Übernahme neuer Aufgaben und Einrichtungen sich für unser Haus lohnt, fachlich und wirtschaftlich.

Deine Sorge war stets: Qualität bleibt auf der Strecke. Energien gehen zu sehr in die Aufbauarbeit. Beim Ringen um die richtige Entscheidung hast Du es uns und mir nicht immer leicht gemacht. Mit einem spontanen, aber entschiedenen "Nein" hing die Messlatte hoch: Ohne überzeugende nachvollziehbare Argumente, dauerhaftes Insistieren und vor allem der Klärung der Verantwortungsübernahme für diese neue Aufgabe war bei Dir Endstation.   

Auf den Anfang kommt es an – da kann man die spannensten Eindrücke gewinnen, da zeichnet sich schon ein Grundmuster ab – so oder ähnlich lautet ein wiederkehrender  Leitsatz von Dir, meist bezogen auf die Evaluation eines neuen Projektes in der Startphase. Mir ist keine Evaluation oder Selbstevaluation Deines Anfangs zur Jahrtausendwende bekannt, aber Du hast uns ein Dokument hinterlassen, das deutlich macht, was Du dir selbst als Ziel für das PFH damals gesteckt hast.

Nach anderthalb Jahren Annäherung und Hineinwachsens in das PFH hast Du auf dem PFH-Tag 2000 in einem Vortrag über die Qualität der Arbeit im PFH Deine Vorstellungen und Leitlinien über die weitere Entwicklung des Hauses veröffentlicht. Ausgangspunkt Deines Beitrages: Das PFH auf dem Boden seiner reichen Tradition weiterentwickeln, verwurzelt in der Tradition ohne der Versuchung des Verharrens "auf sicherem Boden" zu erliegen; "sie kann ein Kraftquell für eine Weiterentwicklung sein". „Die Zukunft des PFH liegt in Entwicklung und Innovation.“

Die heutige von Dir mitgeprägte Bezeichnung "Modelleinrichtung des Landes Berlin" schließt folgerichtig an die Leitkonzepte von Henriette Schrader-Breymann ("das hohe Niveau der Praxis durch ein hohes Niveau der Ausbildung zu sichern" und Anna von Gierke ("Mustergültige Einrichtungen als Vorbilder zu schaffen") an.

Noch nicht in Deinem Vortrag erwähnt, aber schon in der heißen Erkundungsphase ist jener Begriff, der das Markenzeichen Deiner PFH-Zeit wurde und zunächst gar nicht nach Fröbel und Pestalozzi klingt:

Early Excellence – EEC und mit dem Zusatz Berliner Modell - ist mit Deinem Namen unzertrennlich verbunden, wenngleich da noch mehrere Mütter und ein schwäbischer Pate mitwirkten.

PFH – Dürr-Stiftung – Hebenstreit stehen für die erfolgreiche Entwicklung und Etablierung eines Ansatzes frühkindlicher Bildung, der mittlerweile deutschlandweit und über die ursprüngliche Altersgruppe hinaus Wurzeln geschlagen hat. Dabei ging es Dir nie um eine Blaupause des englischen Modells, sondern um einen eigenen Weg, der die Kernaussagen von Pestalozzi und Fröbel verknüpft mit der entwickelten Praxis in den Kindertagesstätten des PFH, von Offener Arbeit, Altersmischung, Eingewöhnung etc. methodisch angereichert und neu akzentuiert.

Die Aufgabe bedurfte eines sehr langen Atems, es war kein Projekt, sondern eine Daueraufgabe, die sich zunächst in einem Modellvorhaben in der Schillerstraße zu beweisen hatte; außer engagierten Mitstreitern und Entwicklern bedurfte es auch zusätzlicher Ressourcen außerhalb des PFH-Haushaltes und außerhalb restriktiver EU-Förderungen. Es war ein Glücksfall, dass sich die Heinz und Heide Dürr Stiftung die Förderung frühkindlicher Bildung und Erziehung nach dem Vorbild von Corby auf die Fahnen geschrieben hatte. Aber  dass die Stiftung über das Modellvorhaben hinaus zum großen Förderer, Unterstützer und Motor deutschlandweit geworden ist, hat auch wesentlich mit Deiner Überzeugungskraft, persönlichem Engagement und Expertise zu tun, im fachlichen Dialog gemeinsam das Berliner Modell zu entwickeln.

Den EEC-Transfer auf alle Einrichtungen des PFH auszudehnen war keine Eintagsfliege, sondern ein mühevoller langjähriger Prozess, der einen langen Atem und die Absicherung aus Deiner Leitungsfunktion heraus bedurfte: Vor Ort gehen, Best Practice sichtbar machen und Ernüchterungen entgegenwirken; die Beschränkung auf den frühkindlichen Bereich überwinden und die mit einbeziehen und anerkennen, die nicht den klassischen EEC-Entwicklungsweg gegangen sind, deren Praxis aber demselben ethischen Code und denselben pädagogischen Strategien verbunden ist.

Der Transfer erhielt durch Deine Leidenschaft dauerhaften Sauerstoffzufuhr – an EEC kam niemand mehr vorbei. Top-Down Veränderungen erzeugen aber auch Widerstand – manchmal still und am Rand. Du jedenfalls hast alle Register gezogen, die Dir zur Verfügung standen bzw. die Du neu erschlossen hast: Teamfortbildungen, Studienreisen, Veröffentlichungen, Zertifizierungen, Multiplikatorenweiterbildungen, PFH-Tage und Fachtagungen, Konzeptentwicklungen mit Partnern aus der PFH-Praxis und Fachschule. Immer öfter bist Du selbst mehr in die Prozesse eingestiegen als zunächst beabsichtigt; die Direktorin als Prozessentwicklerin und Begleiterin; den damit verbundenen Stress hast Du nicht gescheut, am Ende hat es sich für alle gelohnt.

Wer heute PFH sagt, hat immer auch EEC im Ohr. Musstest Du eigentlich das Alles auf Dich nehmen? Welches Anforderungsprofil einer Direktorin des PFH hat das vorgegeben? Wer hat das außer Dir selbst von Dir erwartet? Die Stiftung zu leiten ohne eigene Impulse zu setzen und die Entwicklung selbst mit voranzutreiben war dir fremd und zuwider.

Da war auf der einen Seite die forschende Pädagogin und Wissenschaftlerin, die sich nicht allein auf Dokumentationen, Sach- und Evaluationsberichte verlassen wollte, sondern ein Interesse am Konkreten hat, die vor Ort geht und ungefiltert herausfinden will: "Was geschieht da? Wo liegen die kleinen, aber entscheidenden Veränderungen in der pädagogischen Praxis ? Was ist der Kern? Was wirkt?“

Diese Aufgabe konnte Dich so erfassen, dass Deine anarcho–spontihafte Seite gelegentlich Oberhand gewann. Sie hat eine mitreißende Idee, schwärmt, begeistert sich und andere, präsentiert neue Wege, nicht immer zu Ende gedacht, aber schon mal auf den Weg gebracht und ermuntert andere, in den wilden Diskurs einzusteigen.

Wie konntest Du da die Balance halten zwischen Anarchie und Ordnung, zwischen der experimentierfreudigen, forschenden Pädagogin und der Direktorin mit Generalvollmacht der Senatorin? In dieser Rolle ging es um Absichern, Prüfen, Bedenken, Abwägen. Vorschläge, die Deiner Zustimmung bedurften, wurden nicht einfach von Dir durchgewunken, da halfen nur gute überzeugende Argumente, Hartnäckigkeit und deutliche Signale zur Verantwortungsübernahme.

Und immer wieder warst Du gefordert, für das PFH zu kämpfen: Kürzungsankündigungen seitens der Senatsverwaltung, die Sackgasse der Stiftungszusammenlegungen und vieles mehr. Scheinbar mit dem Rücken an der Wand hast Du den Kampf aufgenommen. Und wie bedrückend auch manchmal der Anlass war: Da kam auch Leidenschaft im Kampf auf Ich erinnere mich an ein Gespräch in der Mensa vor etlichen Jahren, indem Du  bewundernd die Rolle von Matthias Platzeck bei der Bewältigung der Oderflut beschriebst und gerne an seiner Stelle zur Deichgräfin avanciert wärst. Die Berufung blieb aus.

So blieb es dabei,  für das PFH und die nötige Bewegungsfreiheit der Stiftung zu kämpfen – da kamen Dir sicher auch deine früheren Erfahrungen im Leistungssport – insbesonders im  Turmspringen - zugute. Mut, Können und Vertrauen waren dort wie hier unentbehrlich.

Zur absoluten Chefsache hast Du einen Bereich gemacht, der bis dato bezogen auf das PFH als Ganzes eher ein Schattendasein fristete: Die Öffentlichkeitsarbeit. Dabei ging es Dir in erster Linie darum "Anknüpfungspunkte zu  schaffen und Möglichkeiten der Diskussion zu eröffnen und andere partizipieren zu lassen".

Veröffentlichungen – die Buchreihe  "Beiträge zur pädagogischen Praxis des Pestalozzi-Fröbel-Hauses" in fast jährlicher Taktung, Teilnahme an nationalen und internationalen Fachtagungen mit eigenen Beiträgen und Vernetzungen. Durch Studienfahrten den Blick weiten – Corby, London, Birmingham, Leuven, Dublin. Als welt- und kulturoffene Pädagogin knüpfst Du damit auch an die Tradition früherer Leiterinnen des PFH an (Alice Salomon, Lina Mayer-Kulenkampff). Es drängt sich vor allem die Parallele zu den Studienfahrten Anfang der 50er Jahre auf der Suche nach neuen demokratisch orientierten Konzepten in Holland, England, Dänemark und den USA auf.

Kaum ein Thema hat die Mitarbeiterschaft des P FH in den letzten drei Jahren so übergreifend angesprochen und in Bewegung gebracht wie Beteiligung und Kommunikation innerhalb der Stiftung. Dazu hast Du ausgeführt: „Es gibt keine Entwicklung ohne Beteiligung (...), die Folgen hat und das jeder die Folgen seiner eigenen  Beteiligung verantworten muss. Nicht zuletzt wird es darum gehen, die Frage nach Transparenz und Beteiligung adäquat so zu beantworten, dass alle Beteiligten das Gefühl haben, zu dieser Institution dazu zu gehören und sich damit identfizieren können."Entscheidend wird sein, dafür eine Vertrauensbasis zu entwickeln. Der Aufbau von Vertrauen wird zu einer der großen Herausforderungen für den Erfolg unserer Organisation."

Das waren Deine Worte, die Du auf dem  PFH–Tag, nicht 2015, sondern 2000 vorgetragen hast. Wir haben alle lange gebraucht, diesen Anspruch in die Tat umzusetzen und sind Dir dankbar, dass Du in den letzten Jahren Deinen Teil dazu beigetragen hast, ihm nachhaltig zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Frage drängt sich auf: Woher  hast Du die Kraft und Energie, um dieses alles im Dauerlauf zu bewegen? Wer waren Deine Vorbilder, die Dich auf Deinem beruflichen Weg entscheidend geprägt haben? Einiges konnten wir dem Newsletter und der Homepage entnehmen. Stellvertretend für die Nichtgenannten fallen mir noch zwei Herren aus Deinem Dienstzimmer ein: Pestalozzi und Karl Schrader. Ersteren hast Du wieder mitgenommen in Deine heimische Umgebung, der andere bleibt zurück für Deine Nachfolger als Mahner und Ermutiger, das Werk der Gründungsfrauen und ihrer Nachfahren fortzuführen.

Du bist aufgewachsen im damals wiederaufblühenden Kernland von Kohle und Stahl, und Deine familiäre Prägung hat Eigenschaften hervorgebracht, die auch in Deiner Tätigkeit im PFH nicht zu übersehen waren: Durchhaltevermögen, Optimismus und ein hohes Arbeitsethos. Arbeit – Anforderungen an Dich selbst und andere, Arbeit, die mit einem wirklichen Interesse an der Aufgabe verbunden ist und einer Tugend von Dir entgegenkommt: der Neugier.

Kein Wunder, dass die Kameraethnografie zu Deinem Forschungsschwerpunkt wurde: Wie Du im Interview ausführtest: "Den fremden Blick, den ich auf das Vertraute werfe". Wir fanden das anfangs auch befremdlich: Statt im Urlaub in einem unberührten Regenwaldareal auf Forschungsreise zu gehen, tauchst Du vor Ort auf: In einer PFH-Kita, dem Juxirkus, der Neumark-Grundschule und anderswo. Den unverstellten Blick auf die Praxis vor Ort Dir zu beschaffen war Dir so wichtig – da hast Du ein paar Irritationen der sich übergangen gefühlten Hierarchieebenen in Kauf genommen – spätestens das Produkt und die positiven Rückmeldungen der Beteiligten vor Ort  trug zur allseitigen Entspannung bei.

Zum Schluss möchte ich mich bei Dir bedanken für den weiten Weg, den wir gemeinsam gehen durften und auf dem wir manches bewegen konnten. In fachlichen Fragen gab es meist eine hohe Übereinstimmung, sei es bezogen auf die Weiterentwicklung der Kinder-und Jugendhilfe oder des PFH insgesamt. Bei der Umsetzung und dem Ausloten der richtigen Strategie gab es bisweilen unterschiedliche Vorstellungen, die wir backstage ausgefochten haben, ohne uns zu verletzen, und am Schluss fanden wir meist einen Konsens.

Mehr Spaß machte es aber, neue Pläne zu schmieden und unzensiert die Ideen zu versprühen. DANKE."

Diese Rede hielt Gerd Schmitt während des Sommerfests zur Verabschiedung von Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller am 30. Juni 2017 im Pestalozzi-Fröbel-Haus

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