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Prof. Dr. Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, am 28. September 2016 im Pestalozzi-Fröbel-Haus. Foto: Julia Ziegler

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Ein Rückblick in die Mechanismen des Dritten Reiches

Der renommierte Historiker und Vorurteilsforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz sprach vor Studierenden des Pestalozzi-Fröbel-Hauses

Wie kann man die Persönlichkeit eines Kindes so stärken, dass es ein demokratisches Bewusstsein entwickelt? Wie kann man ihm dabei helfen, tolerant und gerecht durchs Leben zu gehen? Antworten zu finden auf diese Fragen zählt zu den wichtigsten Aufgaben von Pädagoginnen und Pädagogen. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation in Deutschland werden die hier entstehenden Herausforderungen umso dringlicher.

Eine Dozentin, die sich im Pestalozzi-Fröbel-Haus 38 Jahre lang intensiv mit den Themen Demokratie und Völkerverständigung beschäftigt hat, ist die Oberstudienrätin Heidrun Schmidt. Ihre Mission war es, dass junge Menschen sich in Europa kennenlernen, dass sie miteinander sprechen und sich füreinander interessieren. In diesem Sinne baute sie im Pestalozzi-Fröbel-Haus mit großem Erfolg ein Europaprogramm auf, über das bereits hunderte von angehenden Erzieherinnen und Erziehern Praktika im Ausland absolvieren konnten. Im Oktober 2016 wurde Heidrun Schmidt pensioniert, und zu ihrem Abschied wünschte sie sich einen ganz besonderen Gast als Redner im Pestalozzi-Fröbel-Haus: Sie lud Prof. Dr. Wolfgang Benz ein, vor "ihren" Studierenden zu sprechen. Prof. Dr. Wolfgang Benz, geboren 1941, ist ein international bekannter Historiker, Wissenschaftler und Publizist im Bereich der Vorurteils- und Antisemitismusforschung. Er hatte Professuren unter anderem in Wien und in Sydney inne, bevor er über 20 Jahre lang Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin war. Unter anderem verfasste er Standardwerke, in denen er das empirisch erfassbare Ausmaß des Holocausts belegte, die persönliche Verantwortung vieler Deutscher während des Dritten Reiches darlegte oder das Wissen über Konzentrationslager erfasste.

Nationalsozialismus: Wie konnte es dazu kommen?

Am 28. September 2016 hielt Prof. Dr. Wolfgang Benz vor dem zweiten Ausbildungsjahr der PFH-Fachschule den Vortrag Nationalsozialismus: Wie konnte es dazu kommen, wie hat er sich im Alltag dargestellt und wo gibt es Bezüge zur aktuellen Lage? Zuerst beschrieb er den aufmerksam und interessiert zuhörenden jungen Menschen, wie irritierend für ihn die in der Nachkriegsgesellschaft vorherrschende Reaktion "des Vergessens und Verdrängens" der Verbrechen während des Dritten Reiches war. "Es entstand eine Haltung des Schweigens und des Nicht-Wissen-Wollens". Hitler und der Nationalsozialismus seien als "Naturkatastrophe" bei einem "willenlosen Volk" angesehen worden. Und eigentlich hätten ja "alle Widerstand geleistet". Für ihn als Wissenschaftler und Historiker war immer schon vor allem folgende Frage interessant: Wie ist das Dritte Reich entstanden? "Eine Machtergreifung gab es nicht", sagte Benz. "Man hat Hitler die Macht in die Hände gelegt und zugesehen, wie er sie ausbaute". Gewalt gegen Minderheiten sei schweigend und unter "Wegsehen" hingenommen worden. Unsichere, Enttäuschte und Frustrierte hätten Hitler Beifall gespendet. Man habe Trost gebraucht. "So konnte Hitler eine Tyrannei mit Hilfe der Bürgerlichen etablieren, und niemand widersprach gegen Rechtsbrüche. Ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung war Deutschland kein Rechtsstaat mehr". Dabei hätten die Legislative und die Administration den Anschein erweckt, dass alle Handlungen "rechtens" gewesen seien. Diskriminierende Vorschriften vor allem gegen Juden "wurden in vorauseilendem Gehorsam" erfüllt, so Benz. Irgendwann seien die rohen "Pöbeleien" der Nazis durch "elegantere Methoden" ersetzt und dadurch dann endgültig akzeptiert worden. Unrecht sei mithilfe neuer Gesetze in "Recht" gegossen worden und immer mehr Vorschriften zum Schaden von Minderheiten seien entstanden. "Geblendet wurde das Volk von glänzend organisierten Festen und Veranstaltungen, wo sich Herrschende und Beherrschte inszenierten". Auch die durch die wachsende Rüstungsindustrie entstandenen neuen Arbeitsplätze hätten den Menschen eine vermeintliche Sicherheit vorgetäuscht.

Was können wir aus der Geschichte lernen?

"Feindbilder sind austauschbar", warnte Prof. Dr. Wolfgang Benz. Er machte deutlich, wie wichtig es ist, Sensibilität für jegliche Art von extremen Einflüssen und Strömungen zu entwickeln. Im Deutschland von heute beobachtet er eine zunehmende Präsenz rechtspopulistischer Ansichten, die er als "alarmierend" empfindet. "Organisationen wie z.B. die Pegida haben kein Programm, nur Parolen. Warum funktioniert das?", fragte Benz. Ähnlich sehe es bei der AfD als "etwas salonfähigere Ausgabe der Pegida" aus. Weitere Herausforderungen stellen für ihn unter anderem die neuen Medien dar, über die Diffamierungen immer einfacher werden und problemlos anonym bleiben können. Zum Abschluss seines Vortrages legte Prof. Dr. Benz den Studierenden nahe: "Bildung und Aufklärung ist das Wichtigste, eine andere Chance haben wir nicht". Und die Oberstudienrätin Heidrun Schmidt, schon mit den Blumen zum Abschied im Arm, sagte noch einmal sichtlich bewegt zu ihren Studierenden: "Mein Wunsch ist: Unterrichten Sie so, dass alle Kinder zu demokratischen Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen."

dokumentiert von Julia Ziegler
Berlin, im Oktober 2016

Bildergalerie

Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Benz / Verabschiedung von Heidrun Schmidt, Pestalozzi-Fröbel-Haus 2016

Studierende des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Foto: Julia Ziegler