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Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses

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"Auf Wiedersehen" nach 18 Jahren

18 Jahre lang leitete Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller als Direktorin die Arbeit der aktuell über 540 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Am 30. Juni 2017 geht sie in den Ruhestand. In unserem Interview blickt sie zurück, spricht über Schönes und Herausforderndes und über das, was ihr am Wichtigsten war.

Eigentlich wollten Sie Lehrerin werden, haben nach Ihrem Studium auch drei Jahre lang in diesem Beruf gearbeitet. Warum ist dann doch alles anders gekommen?

Ich war gern Lehrerin. Zunächst hatte ich Kunst studiert, später Pädagogik, und eigentlich war es dann so wie ganz oft in meinem Leben: dass sich alles per Zufall ergab. Ich besuchte schon vor Beginn meines Studiums ab und an die Universität in Dortmund, weil ich auf Rita Süssmuth aufmerksam geworden war, die bei Sartre und bei Simone de Beauvoir studiert hatte und von der ich gehört hatte, dass sie spannende Vorlesungen hielt. Ich bin dorthin gegangen, war fasziniert, und dann ist der Kontakt entstanden zu ihr, der bis heute geblieben ist. Ich habe viele Jahre bei ihr gearbeitet. Aber nun treffen wir uns nur noch privat.

Rita Süssmuth wurde eine wichtige Persönlichkeit in Ihrem Leben. Was haben Sie von ihr gelernt?

Ganz viel. Rita Süssmuth hatte sehr viele Kontakte zu Ministerien, zu Forschungsinstituten, zu Kolleginnen und Kollegen aus ihrem Themenfeld, die dann auch für mich relevant wurden. Ich lernte, Arbeit verbunden zu sehen mit dem Engagement für Kinder, Familien und Jugendliche. In diesem Bereich kann man nicht arbeiten, ohne beseelt zu sein von einem Auftrag, etwas beizutragen zu einer Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Familien.

Wie lange waren Sie bei Rita Süssmuth?

Sehr lange, weil ich anschließend noch mit ihr nach Hannover gegangen bin, wo sie Direktorin des Instituts Frau und Gesellschaft wurde. Dieses Institut haben wir damals aufgebaut in einer ganz kleinen Runde. Ich konnte sehr viel mit gestalten und mit definieren, wo die Schwerpunkte lagen. Ich wurde Bereichsleiterin und konnte mir meine Leute selbst aussuchen, was toll war. In diesen Berufsfeldern besteht oft eine starke Verknüpfung von Arbeit und Privatem, und bei mir haben sich in dieser Zeit einige über Jahrzehnte dauernde Freundschaften entwickelt. Ich blieb bis 1991 im Institut, länger als Rita Süssmuth. Sie ging schon früher, weil sie Familienministerin wurde. Und ich nahm dann die Stelle als Jugendamtsleiterin in Bremen an.

Wo lagen die größten Herausforderungen während Ihrer Zeit beim Pestalozzi-Fröbel-Haus?

Als Direktorin des PFH bin ich verantwortlich für Personal, Haushalt und Fachentwicklung. Das sehe ich als eine große Chance und besondere Herausforderung. Nur wenn ich weiß, was in der Praxis läuft und relevant ist, kann ich dort mit neuen Ideen und Impulsen „andocken“. Und ich muss dabei die Finanzmittel im Blick haben oder akquirieren, die für Innovationen notwendig sind. Dies zusammen zu bringen hat mir große Freude gemacht. Unterm Strich finde ich, dass das PFH geradezu die „Krönung“ meines Arbeitslebens ist, weil ich alles, was ich gelernt und erfahren habe, hier einbringen kann – aus Forschung und Wissenschaft, aus Fachverwaltung, Projektmanagement, Unterricht und Lehre.

Sie führten ein neues pädagogisches Konzept im Pestalozzi-Fröbel-Haus ein: den Early Excellence-Ansatz. Warum entschieden Sie sich für diesen Umbruch?

Early Excellence ist ein Konzept, das eine neue Qualität in die Arbeit mit Kindern und ihren Familien hineinbringt. Es geht um Prinzipien der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern, die eigentlich für alle Bereiche relevant sind. Wir nennen es den „positiven Blick“. Der wertschätzend-respektvolle Blick auf jeden Menschen. Die Unterstützung, ja: das Entdecken von Stärken und Potentialen. Das ist für alle Bereiche wichtig, in denen man mit Menschen arbeitet.

Wie wurden Sie auf Early Excellence aufmerksam?

Damals war Early Excellence Regierungsprogramm in England. Ich hatte bereits viele internationale Kontakte und ein großes Netzwerk, daher war ich informiert auch über Early Excellence. Irgendwann sprach mich Dr. Annette Lepenies von der Heinz und Heide Dürr Stiftung an und fragte, ob ich mich womöglich dafür interessierte, Early Excellence auf Deutschland zu transferieren. Ich fand dies ausgesprochen reizvoll. Aber mir ist immer wichtig: Bevor ich etwas konkret zusage, muss ich mir vor Ort selbst ein Bild machen. So bin ich mit der damaligen Abteilungsleiterin der Kinder- und Jugendhilfe Brigitte Gerhold und unserer Fachberaterin Barbara Kühnel im Jahr 2000 nach Corby gefahren, wo Early Excellence im Pen Green Centre praktiziert wurde. Die Arbeit dort fanden wir spannend. Wir haben dann in kleinen Schritten Early Excellence im PFH aufgebaut. Seitdem besteht die Förderung und Unterstützung durch die Dürr-Stiftung und durch Heinz und Heide Dürr ganz persönlich.

Was ist das Besondere an Early Excellence?

Schon in unserer Piloteinrichtung, die nach Early Excellence arbeitete - das war das Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße - zeigte sich nach kurzer Zeit, dass unser Fokus auf Beobachtung unglaublich gut war. Damals herrschte ein eher defizitärer Blick. Kinder genau zu beobachten und dies zu dokumentieren war noch nicht Teil der pädagogischen Arbeit. Zwar war schon immer klar, dass man bei Kindern dort ansetzen muss, wo sie etwas können. Aber es gab keinen systematischen Blick auf Kompetenzen, auf Potentiale, auf das, was Kinder tun und wo sie ihre Interessen haben.

Was wurde anders?

Das Faszinierende war: Durch diesen Perspektivwechsel hin zu dem, was Menschen tun und was sie interessiert, gingen die pädagogischen Fachkräfte anders mit den Kindern um, auch mit den Eltern, und relativ bald entstand eine wunderbare Diskussion im Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße. Die Erzieherinnen und Erzieher sagten sich: Ich schaue anders auf Kinder, ich schaue anders auf Eltern, und was heißt das eigentlich für uns als Erzieherinnen? Wie gucken wir uns an? Welche Stärken entdecken wir eigentlich beim anderen, bei meiner Kollegin? Habe ich eigentlich immer wahrgenommen, was die alles kann? Und kann auch ich mich hier produktiv einbringen? Das führte zu enormen, zu riesigen Veränderungen. Im Laufe der Zeit interessierten sich auch andere Einrichtungen bei uns im Haus für das neue Konzept. Heute arbeiten alle PFH-Einrichtungen nach Early Excellence, und viele weitere Einrichtungen in Deutschland auch.

Macht Sie das stolz?

Es macht mich froh, weil ich davon überzeugt bin, dass Early Excellence eine Konzeption ist, die tatsächlich einen Unterschied bewirkt. Die die Qualität im Sinne der Kinder und ihrer Familien verbessert. Dazu beigetragen zu haben finde ich fantastisch.

Was ist für Sie eine gute Erzieherin, ein guter Erzieher?

Eine gute Erzieherin lässt sich ein auf Kinder und ist in der Lage, sich in sie hinein zu versetzen. Sie geht respektvoll und wertschätzend mit ihnen um. Sie arbeitet mit großem Interesse daran, mehr zu erfahren über kindliche Entwicklung und wie sie Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen und begleiten kann. Sie freut sich, wenn Kinder Schritte nach vorn machen und wenn sie ihren eigenen Weg gehen. Sie geht in einen Dialog mit den Eltern und ist interessiert an deren Wissen über ihr Kind. Sie ist selbst neugierig und wissbegierig. Sie stellt Fragen und denkt nicht, immer schon Antworten wissen zu müssen. Sie fragt auch: Wie sieht es bei den Eltern zu Hause aus, welche Erfahrungen bringen die Eltern mit? Wie kann ich diesem Kind gerecht werden? Ich denke, dass ist das, was tatsächlich wichtig ist. Es gehört weit mehr dazu, als sich ein Curriculum anzueignen. Sondern es hat auch etwas zu tun mit Persönlichkeit und dem Interesse daran, sich weiterzubilden. Offenheit und Neugierde sind wichtig.

Fortsetzung des Interviews