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„Die meisten Diskussionen gibt es beim Thema gewaltfreie Erziehung“

Die Erziehungs- und Familienberatung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses informiert geflüchtete Familien über die Rechte von Kindern und die Pflichten von Eltern in Deutschland. Ein Interview mit der Leiterin der Erziehungs- und Familienberatung Judith Wienholtz.

Eigentlich hat jedes Kind die gleichen Rechte, ganz egal an welchem Ort der Erde es aufwächst. Denn als die UN-Kinderrechtskonvention 1989 in Kraft trat, haben fast alle Staaten weltweit dieses "Grundgesetz" für Kinder ratifiziert. Dennoch gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern im Umgang mit diesen Rechten. Etwa beim Thema Erziehung gehen die Ansichten je nach Land weit auseinander. Während in Deutschland zum Beispiel das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Jahr 2000 gesetzlich verankert wurde, zählt es in anderen Ländern durchaus zum Alltag, auch einmal eine Ohrfeige oder anderweitige körperliche Zucht zur Durchsetzung von Regeln bei Kindern einzusetzen.

Deutlich spürbar werden die länderspezifischen Unterschiede, wenn Menschen aus den verschiedensten Kulturen eng beieinander leben. Wie zum Beispiel in einer Flüchtlingsunterkunft. In der Flüchtlingsunterkunft auf dem Tempelhofer Feld in Berlin-Kreuzberg wohnen derzeit 1.200 Geflüchtete, 350 von ihnen sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. In den kommenden Monaten sollen die Tempelhofer Hangars über 2.000 Bewohnerinnen und Bewohner beherbergen. Seit März 2016 bietet die Erziehungs- und Familienberatung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses gemeinsam mit dem Träger Tamaja in der Flüchtlingsunterkunft auf dem Tempelhofer Feld Elternveranstaltungen an zum Thema "Kinderrechte in Deutschland" sowie bei Bedarf auch persönliche Beratung vor Ort. In unserem Interview spricht die Leiterin der Erziehungs- und Familienberatung des PFH Judith Wienholtz über die Themen, die bei ihren Veranstaltungen besonders rege Diskussionen auslösen sowie über Mentalitätsunterschiede zwischen den Kulturen.

Judith Wienholtz ist ausgebildete Diplom-Psychologin und Diplom-Sozialarbeiterin und leitet seit sieben Jahren die Erziehungs- und Familienberatung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Hier steht sie gemeinsam mit ihrem Team Eltern, Kindern und Familien zur Verfügung, wenn vertrauliche Beratung benötigt wird zu Fragen rund um Erziehung und Partnerschaft oder wenn es Probleme im Familienalltag gibt. Ein besonderer Schwerpunkt der Erziehungs- und Familienberatung ist bereits seit vielen Jahren die Zusammenarbeit mit Menschen aus den verschiedensten Kulturbereichen.

 

Seit vier Monaten veranstalten Sie regelmäßig Elternversammlungen für geflüchtete Familien zum Thema "Kinderrechte in Deutschland". Warum machen Sie das, und was genau besprechen Sie bei solch einer Versammlung?

Judith Wienholtz: Zustande gekommen sind diese Versammlungen über eine Anfrage vom Jugendamt Tempelhof-Schöneberg. Zuvor hatte der Träger der Flüchtlingsunterkunft auf dem Tempelhofer Feld, Tamaja, das Jugendamt um Unterstützung gebeten vor allem in Sachen Kinderschutz. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Jugendamt gehen seitdem einmal pro Woche in die Flüchtlingsunterkunft und haben zusätzlich unsere Erziehungs- und Familienberatung vom Pestalozzi-Fröbel-Haus gebeten, sich aktiv mit einzubringen. Gemeinsam mit Tamaja haben wir uns daraufhin überlegt, dass wir regelmäßig Informationsveranstaltungen zum Thema Kinderrechte organisieren und alle Eltern aus der Unterkunft dazu einladen. Ich stelle bei solch einer Veranstaltung die Kinderrechte vor, die ja nicht nur in Deutschland gelten, sondern in ganz Europa und in vielen anderen Ländern der Welt. Vor allem kommen Themen wie Bildung, Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen, Aufsichtspflicht und gewaltfreie Erziehung zur Sprache.

Was hat das Jugendamt dazu veranlasst, bei Ihnen Unterstützung anzufragen?

Judith Wienholtz: Der Hintergrund ist, dass in der Flüchtlingsunterkunft unter anderem immer wieder Kinder ohne Aufsicht unterwegs waren, und das war zu gefährlich. Die Eltern dieser Kinder sind offenbar davon ausgegangen, dass ihre Kinder schon von irgendjemandem aus ihrer jeweiligen Umgebung beaufsichtigt werden, das war aber nicht so. Viele sind es aus ihren Herkunftsländern einfach gewohnt, dass sich Bekannte, Nachbarn und Verwandte automatisch mit um die Kinder kümmern, ohne dass große Absprachen getroffen werden.

Wie reagieren die Eltern, wenn man ihnen "Informationen über Kinderrechte" anbietet? Kann man damit ihr Interesse wecken?

Judith Wienholtz: Unsere bisherigen sechs Veranstaltungen waren sehr gut besucht. Bei manchen kamen rund 40 Personen, einmal waren es nur 15. Immer mehr Frauen als Männer. Ich glaube, dass diese Veranstaltungen eine willkommene Abwechslung sind zu dem etwas tristen Alltag in der Flüchtlingsunterkunft. Am Vormittag sind die Familien durchaus beschäftigt. Sie müssen die Kinder in die Schule bringen, wenn sie einen Schulplatz haben, sie müssen zum Lageso oder sonstige Termine wahrnehmen. Aber an den Nachmittagen findet man viele Eltern, die froh sind, wenn sie etwas tun können, wenn sie zum Beispiel zu solch einer Informationsveranstaltung gehen können. Die Eltern sind offen und interessiert an Informationen, die ihnen die Orientierung in der neuen Gesellschaft erleichtern.

Besteht bei diesen Veranstaltungen Einigkeit darüber, dass die Kinderrechte gewährleistet werden müssen, oder werden manche Punkte diskutiert?

Judith Wienholtz: Also die meisten Diskussionen, das größte Gemurmel gibt es in der Tat, wenn über gewaltfreie Erziehung gesprochen wird. Meist ist es so, dass ich das Gemurmel nicht verstehe, weil es entweder in arabischer Sprache oder in Farsi stattfindet. Aber wenn ich darüber informiere, dass in Deutschland keine Gewalt an Kindern ausgeübt werden darf, dann geht meist ein Raunen durch den Saal. Die Leute unterhalten sich untereinander, sie sprechen aber mit Hilfe von Sprachmittlern auch mit uns. Über die eigenen Erfahrungen und dass es nicht ungewöhnlich ist, mit Gewalt erzogen worden zu sein. Oft hören wir die Frage: Wie kann ich mich denn durchsetzen, wenn ich ein Kind nicht schlagen darf? Dann sprechen wir darüber, was man alternativ tun kann, um einem Kind Grenzen zu setzen. Nämlich das Kind direkt ansprechen, ihm in die Augen schauen und sagen, was man möchte. Deutlich formulieren, welche Konsequenzen es hat, wenn sich ein Kind nicht an die Regeln hält. Die angekündigten Konsequenzen dann auch durchziehen. Das Wichtigste ist erst einmal, darüber zu informieren, dass in Deutschland das Prinzip der gewaltfreien Erziehung besteht. Übrigens ist Gewalt in der Erziehung auch bei uns erst seit dem Jahr 2000 gesetzlich verboten. Wir machen deutlich, was für Konsequenzen es hat, wenn ein Kind mehrfach und heftig geschlagen wird. Bei schlimmeren Fällen wird das Jugendamt eingeschaltet.

Welche Konsequenzen hat es, wenn ein Kind geschlagen wird?

Judith Wienholtz: Das hängt immer von dem jeweiligen Vorfall ab. Eine Konsequenz ist auf jeden Fall, dass mit den Eltern Gespräche geführt werden. Dass geschaut wird: In welchen Situationen kommt es zu Gewalt in der Erziehung? Wo sind die Überforderungsmomente? Denn Gewalt entsteht hier meist durch Überforderung. Weil die Eltern nicht in der Lage sind, andere Formen von Grenzen zu setzen. So geht es eben auch darum zu schauen: Was brauchen denn die Eltern? Nicht alle, aber viele haben traumatische Erfahrungen auf dem Weg von ihrem Herkunftsland hierher nach Deutschland sammeln müssen. Dann kommen die Bedingungen auf dem Tempelhofer Feld dazu, die wahrlich nicht optimal sind. Diese Menschen wissen nicht, wie ihre Zukunft aussieht, ob sie bleiben können, ob sie eine Wohnung erhalten etc. Das alles nagt an der psychischen Stabilität von Eltern. Und die Kinder, die da sind, wollen beschäftigt werden, sie ringen um Aufmerksamkeit. Auf diese Weise entsteht leicht eine Situation von Überforderung. Wir versuchen dann, die Eltern bestmöglich zu stützen und zu stärken, vor allem durch Beratung.

Wird Ihnen denn berichtet, dass sich die Menschen die Inhalte Ihrer Informationsveranstaltung zu Herzen nehmen? Ändert sich etwas im Umgang mit Kindern?

Judith Wienholtz: Ich selbst kann das nicht so genau verfolgen, weil ich nicht vor Ort bin. Aber die Kolleginnen und Kollegen vom Träger der Flüchtlingsunterkunft berichten mir schon, dass sie das Gefühl haben, dass etwas angestoßen wurde. Dass Eltern nach so einer Veranstaltung mit Fragen auf sie zukommen und dass sie den Bedarf haben, sich auszutauschen. Das hat jetzt auch die Konsequenz, dass die Erziehungs- und Familienberatungsstellen aus den angrenzenden Bezirken zur Flüchtlingsunterkunft, also die Beratungsstellen aus Tempelhof-Schöneberg, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg, seit dem 1. Juli 2016 einmal pro Woche vor Ort gemeinsam eine Sprechstunde auf dem Tempelhofer Feld anbieten. Zu dieser Sprechstunde können Eltern kommen, mit Hilfe von Sprachmittlern sprechen wir über Fragen, über Sorgen, über Möglichkeiten und Lösungen.

Ist auch die Gleichbehandlung von Mädchen und Jungen ein Thema, über das sie häufig sprechen?

Judith Wienholtz: Ja, durchaus. Wir informieren immer wieder darüber, dass Mädchen und Jungen in Deutschland nebeneinander auf einer Schulbank sitzen und dass es auch für Mädchen wichtig ist, dass sie regelmäßig zur Schule gehen und Bildung erfahren. Das führt jetzt zu keinen Diskussionen, ich sehe immer wieder Kopfnicken bei dem Thema. Wir stellen diese Dinge aber trotzdem ganz klar heraus.

Gibt es denn Probleme, wenn Mädchen die Gleichbehandlung auch wirklich einfordern?

Judith Wienholtz: Im Grundschulalter nicht. Wenn die Mädchen aber älter werden, kommt es immer wieder zu nicht untypischen Konflikten zwischen den Kulturen. Immer wieder kommt es mit heranwachsenden Mädchen zu Diskussionen. Auf dem Tempelhofer Feld sehen die Mädchen ja auch beim Sozialdienst von Tamaja oder dann in der Schule viele Frauen, die anders gekleidet sind, die kein Kopftuch tragen etc. Die Mädchen werden mit Alternativen konfrontiert, und das bewegt natürlich etwas. Das bringt sie dazu, nachzudenken über Themen, zu denen sie sonst vielleicht nicht gekommen wären.

Welche weiteren Mentalitätsunterschiede sind relevant?

 Judith Wienholtz: In der Schule gibt es noch ein weiteres Thema, das wichtig ist. Denn dort ist es in Deutschland nicht nur normal, sondern es wird von den Kindern auch erwartet und verlangt, dass sie eine eigene Meinung haben. Und dass sie diese eigene Meinung einbringen sollen. Es ist Teil unserer schulischen Bildung, dass Kinder lernen, eine eigene Meinung zu entwickeln und zu vertreten. Ich glaube, dass das in anderen Ländern noch anders ist, da hat ein Lehrer eine andere Stellung in der Schule. Das hat sich ja bei uns auch entwickelt. Es ist noch nicht lang her, da war auch bei uns die eigene Meinung in der Schule nicht so gefragt. Da waren auch die Eltern nicht so präsent in der Schule. Früher war es bei uns völlig unüblich, dass Eltern gleich in die Schule gehen, wenn sie denken, dass ihr Kind nicht gut genug benotet wird. Man hat den Lehrkräften vertraut und ihr Tun nicht hinterfragt.

Sehen Sie vor dem Hintergrund der gerade geschilderten Situationen neue Aufgaben für unsere Familien- und Nachbarschaftszentren?

Judith Wienholtz: Ich glaube, dass weitere Angebote für die Kinder geflüchteter Familien sehr hilfreich wären. Es gibt ja schon einiges wie z.B. die Sportstunde für Kinder oder das Willkommenscafé für Eltern im PFH-Familienzentrum Mehringdamm, das sich ganz in der Nähe des Tempelhofer Felds befindet. Es wäre aber wunderbar, wenn Kinder und Eltern noch häufiger rauskommen würden aus ihrer Unterkunft an einen Ort, wo es auch Spielmaterialien gibt und wo in einer schönen Atmosphäre Interaktionen zwischen Eltern und Kindern möglich sind. Auf dem Tempelhofer Feld ist es wirklich schwer, den Fokus auf die Kinder zu legen. Darüber hinaus gibt es in Deutschland ein ganz anderes Bewusstsein und Bedürfnis, eine individuelle gemeinsame Zeit mit seinem Kind zu haben. Das hat sich auch hier in den letzten Jahren sehr entwickelt. In arabischen Ländern ist dieses Bewusstsein noch in einem ganz anderen Entwicklungsstand.

Erleben Sie Offenheit von Seiten der Eltern, über solche Themen nachzudenken?

Judith Wienholtz: Ja. Also in den Veranstaltungen, die ich mache, da gibt es eine Menge Offenheit und auch mehr Offenheit, als ich sie mir vorgestellt habe. Ich mache auch immer wieder aufmerksam auf das benachbarte Familienzentrum Mehringdamm vom Pestalozzi-Fröbel-Haus. Ich sage: Mehringdamm, das ist ja wirklich ein Katzensprung vom Tempelhofer Feld. Ich sage, dass es da ein Familienzentrum gibt mit diversen Angeboten. Der Bedarf liegt in der engeren Überleitung. Die Menschen müssen dahin gebracht werden, sich das anzugucken. Oft sind wir dabei auf Sprachmittler angewiesen, denn die Menschen müssen ja wissen, worauf sie sich einlassen.

Eben sprachen Sie darüber, dass viele junge Mädchen über das Thema Kopftuch nachdenken. Wie wichtig ist den Mädchen bei solch einem Thema die Meinung ihrer Familie? Oft hört man ja auch, dass Traditionen in späteren Phasen des Lebens wieder wichtiger werden?

Judith Wienholtz:  Ich glaube, dass die Meinung der Familie hier sehr wichtig ist, weil erfahrungsgemäß die Familie von geflüchteten Menschen anders strukturiert ist wie eine deutsche Familie. Da kommt es in erster Linie auf den Familienzusammenhalt an. Auf das Gemeinsame. Auf das Unterstützende. Und nicht auf das Individuelle. Das ist ein großer Unterschied. Deswegen ist es so sehr wichtig, Teil einer Familie zu sein. Wenn die Familie Sie nicht mehr akzeptieren würde, dann wären Sie draußen und wären ganz allein. Für jemanden, der so aufgewachsen ist, dass die Gemeinschaft zählt und das Für-den-Anderen-Dasein und das Für-den-Anderen-Verantwortung-übernehmen, für so jemanden ist es schwer auszuhalten, ganz allein zu sein. Ich denke, dass es gerade in der Konfrontation mit anderen Werten natürlich zu Phasen kommt, wo über vieles nachgedacht wird. Welche Vor- und welche Nachteile gibt es? Die Mädchen möchten sich ausprobieren. Wenn sie es dürfen, dann können sie irgendwann entscheiden, was für sie das Richtige ist. Das kann ja durchaus sein, ein Kopftuch zu tragen. Das kann aber auch eine andere Variante sein. Dann gibt es Familien, wo die Auswahloptionen nicht so groß sind und die Mädchen nicht so viele Möglichkeiten haben. Meine Erfahrung ist, dass auch Frauen, die hier aufwachsen, die hier zehn Jahre zur Schule gegangen sind, nicht die Möglichkeiten erhalten haben in ihrer Entwicklung, wie sie sonst Frauen in Deutschland erfahren. Dafür haben sie einen anderen Schutzraum in der Familie. Sie sind versorgt. Sie sind nicht allein. Die Einschränkung ist die, dass es nicht so großen Raum für die individuelle Entwicklung gibt. Dass meist gerade bei jungen Mädchen und Frauen nicht so viel Wert auf Bildung gelegt wird. Die berufliche Karriere steht in der Regel nicht im Vordergrund. Auf jeden Fall nicht so eine, wie wir sie kennen. Es gibt sehr unterschiedliche Familien, man darf nicht verallgemeinern. Aber Ziel ist schon sehr oft, dass die Mädchen heiraten und Mutter werden. Und dann hat die berufliche Ausbildung nicht den Stellenwert, den sie in anderen Familien hat.

Können wir in Deutschland denn in Bezug auf Familienzusammenhalt etwas von diesen Familien lernen?

Judith Wienholtz: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass es da ganz positive Aspekte gibt was den Familienzusammenhalt anbelangt, was die Fähigkeit betrifft, auf den anderen zu achten, für den anderen da zu sein. Ideal wäre, wenn es eine Balance gäbe zwischen dem, was individuell möglich sein könnte und dem, was den Familienzusammenhalt anbelangt. Immer wenn es extrem wird, ist es schwierig.

Kinderschutz ist ein Thema, das uns alle betrifft. Welche gesetzlichen Regelungen sind hier wichtig?

Judith Wienholtz: Es gibt seit 2012 ein Bundeskinderschutzgesetz. Dieses Bundeskinderschutzgesetz verpflichtet jeden Träger, der mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, zur Erarbeitung eines Kinderschutz-Ablaufverfahrens, das dem pädagogischen Personal zur Verfügung gestellt werden muss. Jede Fachkraft muss wissen: Was ist zu tun, wenn ich beim Thema Kinderschutz einen Verdacht habe? Wenn ich z.B. befürchte, dass ein Kind geschlagen wird oder dass es anderweitige Gewalt erfährt, vernachlässigt oder missbraucht wird? Ein Träger ist dazu verpflichtet, etwas zu schaffen, wo bei Bedarf dokumentiert werden kann, was eine einzelne Fachkraft beobachtet. Außerdem ist ein Träger verpflichtet, erfahrene Fachkräfte zur Beratung des Teams zur Verfügung zu stellen. Also Fachkräfte, die sich im Bereich Kinderschutz auskennen. Die auch wissen: Es gibt in Berlin ein einheitliches Verfahren, das alle relevanten Träger für sich in gewisser Weise übernommen haben. Diese Dinge muss jeder Träger im Bereich Kinder- und Jugendhilfe leisten, also auch das Pestalozzi-Fröbel-Haus.

Wie wird Kinderschutz im Pestalozzi-Fröbel-Haus gewährleistet, das ja neben Ihrer Erziehungs- und Familienberatung zahlreiche Einrichtungen für Kinder und Jugendliche in seiner Trägerschaft hat?

Judith Wienholtz: Wir haben ein genau geregeltes Ablaufverfahren für Kinderschutz, das allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bekannt ist. Dieses Ablaufverfahren wurde unter meiner Federführung in einer Arbeitsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern aus den verschiedenen Bereichen unseres Hauses erarbeitet. Unsere Arbeitsgruppe Kinderschutz hat sich mehrfach getroffen und wir haben gemeinsam Ablaufverfahren für verschiedene Situationen erstellt. Zum Beispiel: Wie verhalte ich mich in einem Fall, in dem es um akuten Kinderschutz geht? Und wie in einem Fall, wo es um einen Verdacht geht?

Und wie soll man sich als pädagogische Fachkraft dann in solchen Fällen laut Ablaufverfahren verhalten?

 Judith Wienholtz: Zum Beispiel ist geregelt, wann und wie Beobachtungen dokumentiert werden müssen, wann man mit seinem Team und seinem Vorgesetzten sprechen muss und dass man, wenn sich der Verdacht erhärtet, erfahrene, von uns benannte Fachkräfte aus dem PFH zu Rate ziehen muss. Geregelt ist auch die Frage: Ab welchem Punkt muss ich eine Kinderschutzmeldung machen an das Jugendamt mit einem berlineinheitlichen Erfassungsbogen? Wichtig ist hier auch zu verdeutlichen, dass eine Fachkraft durch diesen Schritt Verantwortung an das Jugendamt abgibt.

Wie werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pestalozzi-Fröbel-Hauses über das Ablaufverfahren informiert?

Wir haben Schulungen in jeder PFH-Einrichtung durchgeführt, und jede Einrichtung hat auch einen für alle zugänglichen Kinderschutzordner mit allen Informationen im Regal. Wenn weitere Fragen zum Kinderschutz bestehen, können extra hierfür benannte Fachkräfte jederzeit kontaktiert werden. Es geht nicht um Kontrolle und nicht darum, jemanden zu bevormunden, sondern es geht wirklich nur um Unterstützung. Und jeder muss sich bewusst darüber sein, dass wir, sollte etwas passieren, gefragt werden: Wie genau haben Sie sich denn an das Ablaufverfahren, dass das PFH stellen muss und das hat es getan, gehalten? Dieses Ablaufverfahren ist auch eine Absicherung für jede einzelne Mitarbeiterin und für jeden einzelnen Mitarbeiter. Und für die Kinder allemal.

Das Interview führte Julia Ziegler, Pestalozzi-Fröbel-Haus
Berlin, den 18. Juli 2016

Weitere Informationen:
Angebote des Pestalozzi-Fröbel-Hauses für geflüchtete Menschen