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Dem Fachkräftemangel begegnen - Qualität entwickeln und sichern

Ein Statement der pädagogischen Leitungsgruppe des PFH

Der von Expert*innen seit langem vorausgesagte Personalmangel in vielen gesellschaftlich relevanten Dienstleistungsbereichen wird nun endlich öffentlich diskutiert, auch weil die Betroffenen nicht mehr stillhalten. Mit dem folgenden Statement wollen wir unsere Standpunkte und unsere Beiträge deutlich machen. Wir verbinden damit eine Anerkennung für die Leistung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Zusage, dass wir uns auf keine fragwürdigen Provisorien einlassen.

Das Pestalozzi-Fröbel-Haus (PFH) bildet seit vielen Generationen Erzieherinnen und Erzieher auf einem anerkannt hohen Niveau aus; einbezogen in die Ausbildung sind seit jeher zahlreiche eigene Bildungseinrichtungen wie beispielsweise Kitas, die Ganztagsbetreuung an Schulen oder Familienzentren. Damit ist das PFH auch am Ausbau der Kinder- und Jugendhilfe der letzten Jahrzehnte beteiligt.

Bis zu 2000 Fachkräfte werden 2019 in Berlin fehlen

Die deutsche Gesellschaft hat sich entschieden, alle Kinder und Familien durch ein ausgebautes und differenziertes Bildungssystem zu unterstützen. In der Folge nahm in Deutschland zwischen 2006 und 2017 die Anzahl des pädagogischen Personals allein in Kitas um 70 Prozent zu (vgl. Meiner-Teubner/Schilling 2018). Im größeren Maße geschah dies aufgrund von neugeschaffenen Plätzen, zum geringeren Teil auch durch die dringend notwendigen strukturellen Verbesserungen z.B. des Personalschlüssels. Doch während der Personalbedarf bis vor einigen Jahren noch weitgehend durch Ausbildungsabgänger*innen und Reaktivierungen gedeckt werden konnte, ist der schon lange von Expert*innen prognostizierte Personalmangel (Expertengruppe 2012; KomDat 3/14) nun offensichtlich, unter Betroffenen täglich spürbar und endlich auch Thema der politischen Debatte. Der im Juni 2018 veröffentlichte nationale Bericht "Bildung in Deutschland 2018" erwartet bis 2025 sogar eine Lücke von 300.000 Erzieherinnen und Erziehern. Allein in Berlin werden nach Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPW) im Frühjahr 2019 bis zu 2000 Fachkräfte oder 10.000 Plätze fehlen.

Wie garantieren wir weiterhin Qualität in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Das PFH als Träger von sozialpädagogischen Ausbildungsgängen und Einrichtungen bringt sich konstruktiv und kritisch in diese Debatte ein. Wir möchten einen Beitrag leisten, um die Motivation der Fachkräfte im Arbeitsfeld und die notwendige Gewinnung von neuen Fachkräften zu unterstützen. Denn es mehren sich Stimmen, die einen Abbau von Qualitätsstandards in Ausbildung und Praxis beschreiben (vgl. Sell 2018), während es doch angesichts gestiegener Anforderungen und Erwartungen wie z.B. inklusiver Pädagogik viel eher um eine nachhaltige Verbesserung gehen müsste (vgl. Viernickel u.a. 2015). Wir haben die große Sorge, dass unsere Fachkräfte noch mehr als bisher strapaziert werden (Tagessspiegel vom 26.2. 2018: „Starke Belastung in Kita, Schule und Krankenhaus“), ohne dass eine reale Aussicht auf Besserung besteht. Aber nur mit Hilfe der im Arbeitsfeld stehenden Fachkräfte werden die Herausforderungen der nächsten Jahre bewältigt werden können. Und dazu brauchen diese eine ermutigende Perspektive, die berechtigt Hoffnung macht aufgrund einer systematischen Problemanalyse und –lösungsstrategie.

Unsere Initiative zur Verbesserung der Situation in Berlin

Im Oktober 2017 lud das PFH zu einem öffentlichen Fachgespräch ein, an dem Fachkräfte, Studierende sowie Personen aus Politik und Fachverwaltung teilnahmen. Ein Ergebnis waren die Schöneberger Thesen für eine Verbesserung der Bildung unserer Kinder und zur Gewinnung von Fachkräften. Die dort ausgesprochenen Forderungen etwa nach einer besseren Bezahlung oder einem Studierenden-BaFöG sind inzwischen auch in der Politik zum Thema geworden, bislang jedoch ohne zählbare Ergebnisse. Die Forderungen nach einer Erhöhung des Personalschlüssels in Kita und Ganztagsbetreuung wird das PFH ebenfalls weiter vertreten. Wir begrüßen es deshalb, dass die für 2018 in Aussicht gestellten Qualitätsverbesserungen in Kitas von der Berliner Jugendverwaltung nicht infrage gestellt werden. Ein wichtiges Thema der Schöneberger Thesen sind darüber hinaus die Rahmenbedingungen für die berufsbegleitende Ausbildung und für multiprofessionelle Teams; in beiden Feldern engagiert sich das PFH seit langem; hier sehen wir ein großes Entwicklungspotential.

Als Träger von Ausbildung und Praxis können wir jedoch nicht nur "auf bessere Zeiten warten". Im Folgenden möchten wir einige Felder benennen, in denen wir bereits tätig sind, um die beschriebenen Aufgaben anzugehen.

Aktuelle Maßnahmen im PFH

  • Im kommenden Schuljahr werden wir eine Sozialassistenten-Ausbildung anbieten. Wir möchten damit mehr Menschen als bisher den Weg in eine sozialpädagogische Ausbildung ermöglichen. Unsere Stärke als Ausbildungs-Praxis-Verbund werden wir dazu nutzen, innerhalb dieser Ausbildung einen sozialpädagogischen Schwerpunkt zu setzen, der die Absolvent*innen auf eine weitergehende Qualifizierung vorbereitet. Die Inhalte werden gemeinsam von Lehrkräften aus der Schule und Fachkräften aus der Praxis erarbeitet.  
  • Ebenfalls kurzfristig bieten wir in Zusammenarbeit mit einer Hochschule die Möglichkeit an, eine Erzieher*innen-Ausbildung mit einem Bachelor-Abschluss zu verbinden. Beide neuen Abschlüsse stehen für den Wunsch nach einer Durchlässigkeit der Ausbildung und die Erkenntnis, dass es unterschiedliche Aufgabenschwerpunkte in der pädagogischen Praxis geben kann.
  • Wir wissen aus langjähriger Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Berufsgruppen, wie bereichernd die Zusammenarbeit von sozialpädagogischen Fachkräften mit anderen engagierten Personen sein kann. Wir begrüßen deshalb den Einsatz von Menschen mit anderen Qualifikationen wie z.B. handwerklichen oder künstlerischen Kompetenzen. Wir praktizieren dies bereits erfolgreich in mehreren Einrichtungen, beispielsweise durch die natur- und werkpädagogische Unterstützung von Kindern und Jugendlichen im Hinblick auf ihren Schulerfolg. Die PFH-interne Arbeitsgruppe "Quereinstieg" entwickelt weitere Unterstützungsmöglichkeiten für die Praxis. 
  • Multi-professionelle Teams, Quereinsteiger*innen, Praktikant*innen, Auszubildende und junge Fachkräfte brauchen gezielte Unterstützung und Aufbauhilfen, die vor allem von den etablierten Fachkräften geleistet werden müssen. Wir führen in Zusammenarbeit von Lehrkräften und Fachberaterinnen eine Mentorenausbildung für Anleiter*innen durch, um eine qualitativ gute und verlässliche Anleitung zu ermöglichen. Unsere Leitungskräfte und Mitarbeiter*innen werden wir gezielt für die Arbeit in multi-professionellen Teams stärken. 
  • Wir bauen systematisch den betrieblichen Arbeitsschutz und das betriebliche Gesundheitsmanagement aus, um allen Mitarbeiter*innen Prävention und gesundheitsfördernde Bedingungen am Arbeitsplatz zu bieten. Dazu haben wir einen Gesundheitszirkel mit Vertreter*innen aus allen Arbeitsbereichen eingerichtet. Die Informationen über das Angebot an präventiven und gesundheitsfördernden Angeboten stehen im Intranet und in den Einrichtungen als Ordner "Gesund im PFH" allen Mitarbeiter*innen zur Verfügung.   
  • Um die sowohl lohnenden wie auch schwierigen Herausforderungen der nächsten Jahre anzugehen, brauchen wir unkonventionelles Denken, politische Unterstützung und fachliche Vernetzung. Wir engagieren uns deshalb in den Fachgruppen des DPW, in bezirklichen und landesweiten Gremien und auf Fachveranstaltungen. Wir werden weiterhin fachpolitische Diskurse initiieren und die anstehenden Entscheidungen im Austausch mit unseren Mitarbeiter*innen vorbereiten.

Berlin, den 20. August 2018
Die Leitung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses

Das Statement als PDF-Dokument zum Ausdrucken

Quellen

Bildung in Deutschland 2018: Autorengruppe Bildungsberichterstattung. Bildung in Deutschland 2018. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Wirkungen und Erträgen von Bildung. Berlin.

Expertengruppe 2012: Expertengruppe im Rahmen des 10-Punkte-Programms der Bundesregierung, Bedarfsgerechte Kindertagesbetreuung 2013: Empfehlungen zur Fachkräftegewinnung in der Kindertagesbetreuung. Berlin. 

KomDat 3/14: Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik: Kommentierte Daten der Kinder- und Jugendhilfe. Heft 3/2014. Dortmund.

Meiner-Teubner/Schilling 2018: Meiner-Teubner, Christiane/ Schilling, Matthias: Die Entwicklung des Fachkräftebedarfs im System der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung. In: Kita aktuell spezial, Heft 2.2018, S. 44-48. 

Sell 2018: Sell, Stefan: Die Schattenseite der großen Zahlen: Man braucht mehr Personal – und senkt die Ausbildungsstandards. Das Beispiel der Kindertagesbetreuung. In: Aktuelle Sozialpolitik, Juni 2018. 

Viernickel u.a. 2015: Viernickel, Susanne u.a.: Qualität für alle, Wissenschaftlich begründete Standards für die Kindertagesbetreuung. Freiburg i.B.